haupseite Sondernummer zur Frankfurter Buchmesse 1998

(C)opyright Agnieszka Bieniasz


M.K.E. Baczewski

Distilled From Pure Grain




  • I

  • gewöhnlich 100 gramm Baczewski Kosher
  • mit grapefruitsaft
  • hier beginnt die geschichte
  • von den heimreisen in die flüsse der kindheit

  • bis an die knöchel in sand versonnen
  • könnte ich dort die seit tausend jahren
  • immergleiche greisin treffen
  • die im netz ihrer falten den sonnenstrahl jagt
  • den sand der lügen auf ihre lippen streut

  • du spreizt deine phantasie, wirklich
  • mit armen schluckern geht die zeit um wie mit einem ei

  • bestreut mit sand
  • seine kantigen ovale
  • gefeilt von gletschern und winden



  • II

  • Die Ersten packten ihre Habe für gerademal fünf Minuten aus,
  • sie wollten Stuten melken und Frauen versorgen, die die lange
  • Reise ohne Sattel erregt hatte. Wäre nicht der fatale Sturzregen
  • gewesen, so hätten sie keine Hütten errichtet. Ein abgedrehter
  • Preiselbeersucher hätte die Heilkraft des Landstrichs entdeckt,
  • ohne das zu recht unter der Oberfläche verborgene Erdreich und den Dialekt
  • wahrzunehmen, seine archäologischen Perspektiven. Doch es kam die Erleuchtung
  • des Regens und verwässerte diese potentiellen Eroberer Roms,
  • Entdecker des Schönen, Väter und Mörder, Bildhauer und Päpste,
  • über die Anhöhen der Umgebung. Ihre Nachfahren waren Bauern,
  • dem Sarkasmus des hiesigen Wetters preisgegeben, züchteten sie
  • Ziegen, gerbten Häute, zeichneten ihre Namen in den Sand.

  • Sie waren gedrungen, nervös, mißtrauisch. Sie vergeudeten
  • und wurden vergeudet. Sie zeugten achtlos, arglos.
  • In Jahren der Mißernte setzten sie ihre taufrischen
  • römisch-katholischen Moralinstrumentarien in Klammern.
  • Ihre Mythen kannten nicht viele Erzählhilfen, wie sie die
  • Notizenjahrhunderte bereithielten. Ab vierzig verfielen sie
  • in eine sexuelle Eiszeit beim Versuch, alle ihnen zugänglichen
  • Geschichten zu einer einzigen transportablen Mythologie zu versammeln.

  • Sie wohnten in der Sprache, nutzten ihr
  • Räderwerk, ihre tektonischen Strukturen. Eng
  • geschlossen unter die Eierschale des Satzbaus, wandelten sie
  • sich sacht zu fast identischen Sandkörnern.

  • Musik verband sie, der Strom von Gefäß zu Gefäß,
  • das Prickeln der Takelei der Stimmbänder,
  • vwenn der Wind die Segel des Bleibens straffte,
  • das Klatschen der Ruder in die spröde Spiegelfläche der Zeit.

  • Sie fühlten sich wohl, hätschelten ihren frisch gezähmten,
  • lebendigen Fisch im Mund. Unbemerkt, unverzeichnet,
  • durch das unpräzise „circa“ der aufkeimenden Buchhalterei ad nihilo
  • abberufen, voll warmen, saftvollen Lebens,
  • wie konnten sie annehmen, es gelänge ihnen, die Schrift
  • zu zähmen, die, so spricht die Schrift, spricht.

  • Als sie zu sprechen lernten, schien es ihnen,
  • sie hielten ein kleines, lebendiges Tier in der Hand
  • mit einem pochenden Herzen, verschüchtert
  • ob ihrer unbändigen Größe, es schlummerte aber ein
  • nach Momenten des Wiegens im warmen Korb ihrer Hand.
  • Es glaubte nicht, daß sie es einst mit dem Stilett der Feder
  • auf einer papierenen Fläche aufspießen würden.

  • Das Wort war noch Leib und tat weh,
  • hinterließ Narben, der Wolf trat aus dem Wald,
  • die Zeit leerte ihren Vorrat an Regenbogentropfen.



  • III

  • Bald fällte ihre Sprache die prägnanten Anfänge aus
  • auf den Grund einer klarenden Lösung. Sie errichteten die Wasserscheide
  • der Alltäglichkeit, setzten Wörter aufs Wasser, in der festen Überzeugung,
  • die Macht der Courtoisie werde den Triumph des Fluchs bezwingen.

  • Manchmal erklomm ein bärtiger Poet die Höhen der verstümmelten
  • Erinnerung, man verurteilte ihn zur niedrigen Weitergabe
  • seines Genotyps und zu didaktischem Windesmurmeln.
  • Er erkannte präzis, wie sie sich zerfraßen und wie sie stanken,
  • wie sie starben, ohne einen semantischen Rest preiszugeben.

  • Und die Sprache kehrte seitdem, verletzt, nie mehr heim
  • und harrte aus in ihrem Leuchtturm, düster und stolz,
  • teilte ihre Zeit zwischen Onanie und Schutz der Instrumente,
  • wie der gerechte Gott bei der Verteilung der Verbote und Ursachen,
  • einsame Herrin über die Sumpflandschaft, gehüllt in den Schleim des Sieges.

  • Ich versuche zu verstehen, welche Aufwallungen phraseologischer
  • Libido sie zu der geheimen Sühne des Rotwelschen,
  • des Dialekts greifen ließen - die Autoren der Bannworte und Flüche,
  • die aus ihren Hakenkreuzen und Sonnensiegeln entwurzelt waren,
  • eigentlich ausgespien auf das Ufer des Schweigens, des Haderns
  • mit dem, was im Designat verwurzelt war, solide und banal.
  • Ich versuche, die Freude zu verstehen, die daraus strömt,
  • sich einer anderen Sprache als der zu bedienen, mit der die
  • sprechen, die ihnen Kredite erteilen, Land zur Pacht
  • überlassen, den Zugang zu Gott gewähren. Es ist klar,
  • daß jeder Ausgespiene, über welches Bord auch immer, sofort
  • eine Sprache erfinden mußte, um hinauszuschreien, wie sehr
  • er die See haßte, mit all ihren nassen Geschäften.

  • Nicht eine Sprache, sondern Sprachen. Die, die Antworten gibt
  • auf Fragen. Die dem Verstehen dient
  • und der Fabrikation von Mißverständnissen. Die Sprache der Outsider
  • und Spione, die in Leiden und Verderbnis wurzelt,
  • unter Leiden und Verderbnis fällt. Die, die
  • gefragt schweigt und ungefragt - lügt.



  • IV

  • Die ersten Niederschriften, in Erlenstöcke gekerbt,
  • spiegelten sich auf ihren Rücken. Von nun an war mit dem Problem
  • des Zeichens für immer die Frage des Schmerzes verknüpft.

  • Im Anfang war es schwer zu verstehen, wie
  • ein Ding Designat wird. Sie glaubten an eine lodernde,
  • außerlautliche Verbindung, den Sexappeal
  • des Hieroglyphs, ein nonverbales Werben.

  • Es fiel ihnen leichter, an die Zertrümmerung etwas so wenig
  • existenten wie eines Atoms zu glauben als an die Zertrümmerung
  • der Sache in Lettern. Sie waren felsenfest überzeugt, die Buchstaben
  • würden von widerlichen Gnomen in unterirdischen Grotten gefertigt,
  • im Feuer gehärtet, damit sie die Last der Wahrheit tragen könnten.
  • Sie glaubten an die dunkle Gewalt der Stahlfeder, des Griffels,
  • des Textprogramms. Der, welcher als erster schreiben lernte,
  • trug sein Tintenfaß der Vertreibung bei sich, das Siegel der
  • fremden, unheilverheißenden Herrschaft der Zeichen. Ihm brachte man
  • Briefe und Bescheide wie einem Schanzsoldaten, damit er den Sprengstoff
  • des Inhalts entsicherte - der in zunehmendem Maße
  • zur Schuld dessen wurde, der schrieb, und dessen, der las.

  • Anfangs wurden viele Dinge auf Papierfetzen erledigt,
  • Steuer - und Mietquittungen, Briefe eifersüchtiger Ehemänner
  • aus halsbrecherisch weit entfernten Kriegen, freigeistige Flugschriften,
  • Gesangbücher, Indulgenzien, Ludicien, Novenen,
  • prophetisch besiegelte Schenkungs- und Pachturkunden,
  • in Dachbalken getriebene magische Zeichen.

  • Der Macht der Dokumente und Briefe überlassen,
  • offen für ein intimes, septisches Vordringen,
  • versanken sie in die Gewißheit, die Erfindung der Schrift
  • werde nicht ihr Spezifikum. Und so vergingen
  • Jahre der Gewöhnung - inmitten von eisernen,
  • apostolischen und Steckbriefen, pornographischen
  • Comics, broschierten Prophetien.



  • V

  • Kaum hatten sie ihre ersten erzwungenen
  • Kreuze unter die Urkunden der Servilität gesetzt (dabei
  • fühlten sie sich, vornehm gesagt, beschissen),
  • und schon verbargen sie unter den eifersüchtigen Augen der Götter
  • das erste gestohlene Feuer der geschriebenen Letter,
  • die brennende Frucht, das Gute und Böse zu verzeichnen.
  • Sie waren längst bereit für die Marimba des Sonetts,
  • den seidenen Betrug des Romans, die schrille Emphase
  • apokrypher Denunziation, längst sog sie das Mikroklima
  • des Skriptoriums in sich auf, längst erstickte sie
  • das Ligaturengewirr, zerrissen sie
  • bändebevölkernde Geheimnisse, Milben und Schimmel.

  • Endlich waren sie für das erste, schlaflose Geschenk
  • eines Buches bereit. Gewöhnlich reichte es ein atheistischer
  • Onkel, zuweilen schleppte ein Kind,
  • dem lauter Psalmengesang mit dem Schweigen des Buchs
  • gelohnt wurde, die unheilbare Gabe nach Hause.
  • Das war nicht das lautlose Gleiten der Schlange in die Geschichte,
  • auch nicht das hyperphone Hufgetrappel der Pest. Es erschien im heiligen
  • Glanz seiner Nutzlosigkeit, geheimnisvoll und bedrohlich.
  • Mitten im Wort schwieg das Messer, aus der gehobelten Wolke
  • fiel kein seladongrüner Regen mehr. Alle standen
  • im engen Kreis über dem weitgebreiteten Königreich,
  • der Zerbrechlichkeit der Adern unbewußt, in denen seine
  • Kompetenz strömte. Sie konnten sich nicht dem Eindruck widersetzen,
  • aus dem löchrigen Weiß ströme krankes Licht. Der besoffene
  • Vater besabberte die Finger in einer geliehenen und ziellosen Geste. Und es war,
  • als lese das Buch in ihnen, sabberte Randbemerkungen,
  • blätterte die Seiten. Und als sich die letzte unergründbare
  • Seite schloß, glaubten sie weiter, dort, in den zwölf
  • Kapiteln, verberge sich die Wahrheit, greifbar und pulsierend.
  • Denn wozu sonst gäbe es die aberwitzige Mühsal des Buches?
  • Das so leicht ungelenken Händen zum Opfer fiel,
  • schmutzigen Fingern? Und der Flamme?

  • Was kam danach? Ein einfacher Sprung hinab in die Arme
  • Alfonso Liguoris, Imitatio Christi, unter die Fittiche
  • der Kräuterbücher, Almanache - direkt in die Starre,
  • die aus übermäßigem Gebrauch von Drucken bei schlechtem Licht
  • entsprang. Und so drang es in ihr Leben, setzte Rechte
  • und Rache, schützte Verlangen und Gelingen.

  • Durch die Begräbniseinbände der Breviers, die feierlichen
  • Chroniken, Geburts- und Todesbücher, Grabinschriften,
  • Rubrizellen, Kataster, all das, was in der Kraft des Zeichens
  • die Kraft des Lebens und die Macht des Todes bindet,
  • durch Katechismen, Passionale, die Memoiren
  • französischer Offiziere, Flugblätter „Wye
  • man den Feifel heyle“, in den Pranken der Zeit zerschlissene
  • Broschuren unzüchtiger Verse - das alles strebte
  • in die erste Bibliothek. Die durch das übersatte Auge
  • eines Kleriker betrachtet wurde; graduell paralysiert, entblößt,
  • damit du jetzt, nach dem Vollzug weiterer Deflorationsriten
  • und Treubrüche, diesen Ort in der Überzeugung verläßt, jenseits
  • der Grenzen der Bibliothek sei die nächste, weisere,
  • deren Bücher belegen, daß es Gott gibt, und der Traum erlischt
  • nach dem Aufschlagen der Lider. Und nach ihr noch eine
  • und weiter, und am Ende denkst du: Der Bibliotheken ist
  • kein Ende. Das Wissen ist unbegrenzt, wie auch der Glaube
  • an das Wissen. Ging es uns nicht am Ende darum:
  • um unverbrüchliche Gewißheit um den Preis eines Genickbruchs?



  • VI

  • Es war gut, daß das erste „Gib, laß mich pflügen.“
  • die Anfänge dieser Sprache mit der Patina der Höflichkeit überzog.
  • Dankdessen können wir uns von den nur uns
  • zugänglichen Gipfeln des Fiebers lossprechen.

  • Im weiteren ist es genauso - durch den lateinischen Text flieht
  • die schändliche Faktur mit eingezogenem Schwanz: „Uns ist
  • Böses widerfahren“. Aus der See der stummen Anfänge
  • taucht dieses Periskop mit einer energischen
  • und geschickten Melancholie empor, die bereit ist, ihre masochistischen
  • Neigungen zu verteidigen. Nachgerade verzweifelt.
  • Wie zu sehen, wird unsere Sprache an den Quellen
  • beweint, es bedarf keines Skalpells der Dekonstruktion.
  • Du findest hier keine Spur der süßen Erektion Frankreichs,
  • die, im Schwert Rolands verkörpert,
  • unter den Sarazenen eine Aktion schändlicher Blutspenderei
  • veranstaltet, zum Ruhme einer oral-genitalen Tradition seines Volkes.

  • Unsere Anfänge sind klerikal und büßerisch,
  • sie haben, wie gesagt, den Beigeschmack von
  • Geißlertum und Fastenzeit.

  • Nur in der Trutzburg des Lateins vermochte
  • der Autor jener servilen Sequenz zu sprechen:

  • aer salubris
  • ager fertilis
  • silva melliflua
  • aqua piscosa
  • milites bellicosi
  • rustici laboriosi
  • equi durabiles
  • boves arabiles
  • vacce lactose
  • oves lanose

  • Unsere Anfänge sind rezessiv und erdverbunden,
  • sie haben, wie gesagt, den Beigeschmack von
  • Geißlertum und Fastenzeit.

  • Wir tauchten nicht so ostentativ in die Schlüpfrigkeit
  • wie der Autor jenes üblen „molt dolz pais“,
  • der, wie ich mir denken kann, ohne den Hauch eines Zögerns
  • die Beine des Pergaments auseinanderschob und den sich zum
  • Idiom steifenden Penis der Metapher für die Vergewaltigung fertigmachte.

  • Unsere Anfänge sind moralisch und bescheiden,
  • sie haben, wie gesagt, den Beigeschmack von
  • Geißlertum und Fastenzeit.



  • VII

  • Sag bloß nicht, all das hier sei müßig
  • vor tausend jahren wurde der grund abgesteckt
  • unter der ersten kate, ein talisman vergraben
  • steuereintreiber kamen die menschen verzeichnen
  • und das vieh, saatgut und bienenstöcke
  • um mit zwei federstrichen
  • jene welt für diese welt zu gewinnen

  • kleine felder schoben sich vom rand
  • in gleichmäßigen diagrammkästchen

  • milde winde spien
  • rot von den dächern
  • blätter fielen und entstanden
  • die wurzeln der lieder wurden ausgerottet
  • den gedungenen mördern ihre schecks ausgezahlt

  • und im grund des flusses hinter der ersten kehre
  • dort wo das ried wuchs in insektuöser ruhe
  • schaukelte in einem kleinen kahn ein traum
  • der tagtraum von der großen stadt
  • und dem geruch eines drinks mit limettensaft.





    Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier