haupseite Sondernummer zur Frankfurter Buchmesse 1998

(C)opyright Andrzej Tobis


Adam Kaczanowski

Gedichte




den Frauen

  • das erste Gedicht schrieb ich
  • 1992 für mein Mädchen
  • über den Wald den Mond über sie also
  • ich bin schwul

  • fremde Gedichte lese ich fast überhaupt nicht
  • weil sie fremd sind meine müssen meine sein
  • ich lese Romane weil ich keine schreibe
  • ich bin hetero habe Aids

  • ich glaube das war keine Frage der Inspiration
  • ich glaube nicht an die Inspiration nur an die Beherrschung
  • der Kunst des wahren Schreibens auf der Maschine
  • ich bin bisexuell

  • Rebellion interessiert mich nicht denn ich habe nichts wogegen
  • ich rebellieren könnte niemand stört mich besonders
  • ich lebe wie ich will aber es ist nicht nur mein Leben
  • ich bin pädophil

  • ich weiß nicht warum die Leute mich lesen
  • das geht mich nichts an eigentlich würde ich ohne
  • die Leute auch Gedichte schreiben
  • ich bin unberührt

  • das ist nett daß so viele Damen und Herren gekommen sind
  • daß so viele Leute mich verstehen

  • das Gedicht widme ich Joanna Kwapiñska
  • und Kacper Lisowski gemeinsam

  • 26.6.1995



  • * * *

  • ich trinke kein
  • Pepsi
  • 7up
  • Fanta
  • Mirinda
  • Cola
  • lebe ich
  • eigentlich
  • noch,

  • 10.11.94



  • 14.11.1997

  • ich möchte
  • Frauen die nicht lügen
  • und daß sie mich nicht
  • länger quälen
  • und daß alle
  • Kirchen
  • und Fabriken
  • einreißen
  • und die Götter lieben
  • in Pyjamas und nackt
  • längere Nächte
  • und daß
  • die Vögel in Ruhe fliegen können
  • genauso die Bäume
  • und die Wohnblocks nicht mehr
  • zertreten was sich gerade bietet
  • das habe ich nicht
  • also das alles zusammen
  • oder
  • sechs Milliarden im Lotto
  • in beiden Fällen
  • werde ich glücklich sein.

  • 14.11.94



  • Enzephalogramm

  • Kleine bewegliche Spielzeuge haben auf deiner Haut
  • unter den Pullovern und darauf fallen, Schnee fällt
  • Auf Reisen gehen hinter dir und vor dir
  • und auf dich herabfallen wie müder magerer Schnee
  • auf deinen Hals fällt
  • Dich hören und auf deinen Worten wachsen
  • wie Moos

  • Menschen fallen.
  • Eine alte Frau stolpert auf den Ebenen
  • der Straßenbahnschienen eine Herde umgibt sie
  • beugt sich über das Grab und hebt sie auf.
  • Ein Mann mittleren Alters fällt
  • stürzt auf die Stufen als die Straßenbahn
  • scharf bremst, fliegt und versinkt wie
  • ein Embryo in einem nicht angepaßten Ort aber
  • die Herde beugt sich nieder und hebt ihn auf.

  • Hinter dir und vor dir
  • dein Batman sein, verwundet an der Ferse
  • ein goldener Kamm sein im Fluß der Alligatoren
  • und die Alpengipfel den Verfolgern unter die Füße.
  • Schnee sein und auf deinem Haar schmelzen.
  • Als dein Mann und deine Frau
  • dich nicht enträtseln wie man eine
  • Patience nicht löst, dich nur öffnen
  • wie Batmans alter Diener
  • eine Karte nach der anderen.

  • der beste Kriegsfilm den ich je gesehen habe

  • Soldaten – Deutsche, die zu den Fenstern
  • des Hauses liefen zu dritt zu viert und als würden sie
  • einen Schneeball verabschieden, warfen sie Granaten hinein
  • die explodierten wie 43 bei den Wettkämpfen in Weißrußland,
  • ich dachte an Dinge aus der Kindheit,
  • derer sich später unter vier Augen bestimmt jeder von uns
  • schämen wird deren Geschmack sich aber in uns bewegte
  • wie Haspelräder

  • Siebenmeilenstiefel das sind sieben Millionen Paar Füße
  • den Soldaten – Deutschen die durch den Wald gehen

  • dann gingen wir wieder nach Hause, atemlos von all dem
  • du gingst ins Bett und ich ging ins Bad,
  • und zum erstenmal war unser
  • domestizierter Schmetterling wer weiß woher nicht mehr da,
  • von dem du sagtest, er sehe aus wie ein indianisches Band,
  • er hielt sich stets an der Decke,
  • und ich beschloß, dich zu fragen, ob du denn etwas mit ihm gemacht hast,
  • DENN ES IST MIR ALS SPERRTE ICH NACHTS EINE KATZE EIN
  • UND FÄNDE AM MORGEN NUR NOCH DEN LEEREN KARTON

  • Noch ein Beweis,
  • daß sich alles hier verändert
  • wie unsere Streiterei und Rückkehr zu uns selbst.



  • * * *

  • das haus in das du mich einließest das
  • sind schuhe wie laternen aus silbernem
  • stoff abwaschbare sonne auf der tür
  • zum balkon orangefarben und viele gestalten
  • im gedächtnis bewahrt mit dem graphischen
  • fotoapparat trés croquante marokkanische augen
  • mädchen mit sehr schönen augen und ein tauber
  • ausgetrunkener milchbecher ein plakat von peter grienäwey
  • er ging nach rom und traf dort um den bauch herum
  • seine eltern

  • in dem haus in dem ich schlafe eben erwacht bin
  • gehe ich die post suchen um
  • patrizia und den blonden in meiner situation zu finden
  • der blonde pawlak 40/5 grüße auch an
  • bruder und hund patrizia 134/16 und an boris

  • durchs fenster
  • des hauses in das du mich einließest und in dem ich jetzt schlief
  • fotosynthese betreibende wohnblocks für menschen
  • und betonbäume für schwarze tiere
  • wenn sie in dein fenster schauen sehen sie mich zum ersten mal

  • adam f kaczanowski geb. 10.12.1976 von einer polnischen mutter
  • und einem deutschen großvater in poznañ in der nähe des friedhofs
  • du schläfst noch
  • warschau 24.06.1995



  • aus dem Polnischen von Bettina Eberspächer