Wydrukuj tę stronę
środa, 07 październik 1998 20:30

Der letzte amerikanische Roman

Napisane przez Piotr Czakański-Sporek
Oceń ten artykuł
(1 głos)
(C)opyright Dariusz Rzontkowski (C)opyright Dariusz Rzontkowski

Morgen ist schon Rosch Haschana1, der erste Tag im neuen Jahr 5703. Seit ein paar Tagen denke ich ständig an den von einer Mine zerfetzten Bauch des Pferdes. Ich frage mich, weshalb ich so angestrengt versuchte, so viele Einzelheiten auf dem Pressefoto auszumachen? Armes Tier. Bestimmt verwest es jetzt in einem Straßengraben. Ich wüßte gern, zog es einen Wagen mit Aussiedlern oder zerrte es ein Geschütz hinter sich her? In dem Artikel, der zu dem Bild gehörte, stand nichts darüber. Solche Zwischenfälle machen auf Kriegsberichterstatter offenbar keinen Eindruck. Vielleicht nur dieser ausgehungerte Hund, der darauf wartet, daß der Mann mit dem Apparat abzieht.

* * *
Morgen ist schon Rosch Haschana1, der erste Tag im neuen Jahr 5703. Seit ein paar Tagen denke ich ständig an den von einer Mine zerfetzten Bauch des Pferdes. Ich frage mich, weshalb ich so angestrengt versuchte, so viele Einzelheiten auf dem Pressefoto auszumachen? Armes Tier. Bestimmt verwest es jetzt in einem Straßengraben. Ich wüßte gern, zog es einen Wagen mit Aussiedlern oder zerrte es ein Geschütz hinter sich her? In dem Artikel, der zu dem Bild gehörte, stand nichts darüber. Solche Zwischenfälle machen auf Kriegsberichterstatter offenbar keinen Eindruck. Vielleicht nur dieser ausgehungerte Hund, der darauf wartet, daß der Mann mit dem Apparat abzieht.

Daher die Träume. Aggressiv, meinen Schrei in winzige stumme Teilchen zerreißend. Lähmend durch ihre Realität, ihre magische Konkretheit, deren verschlüsselter Text den Glauben an das eigene Bewußtsein untergräbt. Wieso bin ich so zuversichtlich? Sehe ich mit solcher Gelassenheit der Prüfung entgegen? Will ich die Zeit der Großen Verwandlung hinter mich bringen, um Eingang zu finden in die Große Gnosis? Ein Demiurg? Nein, ich suche nach einer anderen Bestätigung für mein Dasein. Vergessen, ich will die Großen Werke vergessen. "Eloi, Eloi..." Jemand rief die Worte des Psalms. Wer es war - ich erinnere mich nicht.

Ich erinnere mich an Berge, einen warmen Südhang. Vielleicht wollte ich meine Knochen wärmen, benommen vom Duft der Heumahd. Seltsamerweise erinnere ich mich nicht, Angst vor den Schlangen gehabt zu haben, die es angeblich auf die die herrliche Landschaft genießenden Sommerfrischler abgesehen hatten. Bin ich denn auf Sommerfrische? Jedenfalls steige ich, selten über Feldsteine stolpernd, hinunter ins Tal. Plötzlich höre ich einen Schlag über mich laufen, das Poltern eines abwärts rasenden Leiterwagens. Rennende Menschen darum herum. Aber wo ist das Pferd? Was ist mit dem Pferd? frage ich mich. Was tue ich noch hier, ich muß mich verstecken. In den Wald, so schnell mich die Beine tragen. Unbemerkt an ihnen vorbei, wie ein Hase, zwischen den Heustadeln hindurch und keuchend das kühle Dickicht erreichen. Doch ich kann mich nicht rühren, bin am Boden festgewachsen. Und diese wahnwitzigen Kinder sind schon ganz nahe. Was? Kinder? Ein Rudel von Kindern in dunkelblauen Uniformen und übergroßen Offiziersstiefeln zielt mit Katapulten auf mich. Sie schießen mit Steinen. Der Wagen rast mit gebrochener Deichsel dicht an mir vorbei. Und ich sehe zu beiden Seiten Kinder rennen, die mit einer Kette an ihn gefesselt sind. Sie haben Holzschuhe an den Füßen. Sind nackt.

Statt die Flucht zu ergreifen, vergeude ich kostbare Bruchteile meines Bewußtseins, um zu überlegen, wie ein deichselloser, einen steilen Berghang hinabpolternder Wagen zu lenken sei. Die kleinen Soldaten fallen johlend über mich her. Ich nehme wahr, daß sie mich gegen einen Baum drücken, der plötzlich in meinem Rücken aufwächst. Vermutlich wollen sie mich töten. Einer sagt, man solle mir die Hose herunterziehen. Sie hoffen, etwas zu entdecken, das ihnen das Recht gibt, mich zu steinigen. Einer von den kreischenden Rotzjungen will keine Zeit mehr verlieren und schießt mir mit dem Katapult direkt ins Auge. Ich stürze, überwältigt von einer Attacke dumpfen Schmerzes. Das Gesicht gegen den Boden gepreßt, erwarte ich einen Wutanfall der dreisten kleinen Soldaten.

Zitternd vor Angst, bin ich außerstande zu hören, worüber sie da oben so lebhaft diskutieren. Ihre riesigen Stiefel trampeln gereizt das gemähte Gras fest. Vergrößert, wie unter dem Mikroskop, sehe ich Grasstümpfe aufragen, mit denen ich verschmelzen möchte. Doch ich weiß nicht, wie das gehen sollte. Ebenso, wie ich nicht begreife, weshalb ich das verletzte Auge an einen Halm presse, als erwarte ich, daß er meinen Schmerz lindere. Woher stammt diese Überzeugung, eine Pflanze, die in ihrer Gestalt an ein Auge erinnert, könne seinen Schmerz lindern? Ich entsinne mich nicht, irgendwann meine Zeit zu botanischen Studien verwandt zu haben. Es sei denn, es handelt sich hier gar nicht um Botanik. Was dann: um Quacksalberei? Hexerei? Vielleicht.

Schon treiben sie mich hinunter. Sie brüllen und helfen mir mit Fußtritten nach. Die Dämmerung bricht herein. Ein verlassenes Dorf mit baufälligem orthodoxen Kirchlein. Verdächtig rasch kommt die Nacht. Habe ich etwa das Augenlicht verloren? Unmöglich. Ich könnte schwören, daß ich das Kircheninnere zu beschreiben vermag. Zumal der Altar meine Aufmerksamkeit erregt, in den statt der Ikone ein Spiegel eingelassen ist. In den Goldrahmen hat jemand das Wort HYLIASTER geritzt. Das ist Griechisch und Latein. Welch prätentiöse Idee steht dahinter? Pythagoras? Empedokles? Nein. Wohl ein Irrer aus dem Dorf.

In der einfallenden Dunkelheit verschwimmt das Wort, für Momente gaukelt es noch als HYLIASTER mir vor. Diese nutzlose Metaphysik, dieses Selbstporträt eines Philosophen, eines Tölpels regt mich auf, ich müßte ja laufen, so schnell ich kann. Das Dickicht des Waldes erreichen. Ich aber ziehe es vor, zu analysieren, und nun warte ich in dem verwaisten Kirchlein auf die Vernichtung, auf Jahre der Gefangenschaft, auf den nicht endenwollenden Todesmarsch. Ich will nicht im Straßengraben sterben, eine quälende Wunde am Auge. Unrasiert.
Sollte ich durch ein Wunder verschont bleiben - werde ich eine Ikone stiften, eine mit dem Pantokrator2, ich lasse sie eigens anfertigen.

* * *
Immer schon wollte ich einen Roman über Baseball und einen über Rosy Rosenthal3 schreiben. Ersteren schreibe ich nicht mehr, weil ich vor knapp drei Wochen in einem mir bislang unbekannten Buchladen in der Park Avenue einen Roman über Baseball erstand und erfaßt wurde vom aufgewühlten Meer der "Begeisterung und Kraft atmenden"4 Sätze. In Bann geschlagen von diesen Sätzen, auf die ich zufällig gestoßen war, vergaß ich, daß ich mich ein Jahr lang auf meinen Baseballroman vorbereitet hatte. Ich war sogar froh, mich eines tristen Nachmittags im März in diesen Buchladen geschleppt zu haben, dessen Besitzer in einer lebhaften Diskussion mit dem Verkäufer begriffen war. Wie sich zeigte, hatte der Verkäufer, wahrscheinlich ein Student, am Morgen verschlafen und es nicht geschafft, vor den Vorlesungen den Fußweg vor dem Laden zu fegen. Dabei wohnte er gleich um die Ecke. Ich erinnere mich - ich stand geschlagene zehn Minuten da, ehe man mir vergönnte, für das Buch, das ich mir ausgesucht hatte, zu bezahlen.

Mit demonstrativer Gleichgültigkeit entfernte ich die vier mit Baseballmakulatur gefüllten Koffer aus meinem Zimmer, packte das gute Dutzend Manuskriptseiten dazu und konnte nun in aller Ruhe die Seiten des gekauften Buches wenden. Zwischen Seufzern und Entzücken, ausgedrückt durch das plötzliche Zuklappen des Buches, überzeugte ich mich beharrlich, daß ich es nur dem Zufall zu verdanken hatte, in meiner Anmaßung kein enzyklopädistisches Werklein verfaßt zu haben, das durch seine kuriose Dreistigkeit meine Beschränktheit offenbart hätte. Ich schwieg also voll Entzücken...5

Als ich dann ganze Teile des Buches auswendig konnte, begann ich, wie das gewöhnlich so zu gehen pflegt, die gelesenen Sätze unbewußt meinem eigenen Talent zuzuschreiben. In diesem Fall war das nicht schwierig, da mir der Inhalt des Buches nahestand. Schließlich ist Baseball meine Obsession. Baseball und Klesmermusik mit einer Beimischung von Kaffee türkisch haben mir schon an so manchem Samstagabend Tränen des Glücks abgepreßt. Dank den aus den Baseballarenen übertragenen Berichten, die eine dudelnde Klarinette übertönte, welche wütend gegen die Kante des Kaffeehaustisches geschlagen wurde, erlebte ich Augenblicke eines trunkenen Schwebezustands zwischen Erinnerungen an die Kindheit und Vorstellungen über das Alter. Zum eisernen Repertoire gehörte - und ich denke, die Vergangenheitsform ist hier angebracht -, daß ich mich in meinen träumerischen Anwandlungen gern in der Rolle eines Klarinettisten sah, der sich, durch die wehmütige Musik seiner Sinne fast beraubt, hinter dem Rücken des Klesmers wand. Zu meinem Leidwesen ist mir bewußt, daß ich Klarinette nicht spielen kann, auch wenn ich es noch nie probiert habe. Mein Onkel hätte dieses Instrument eindeutig nicht im Haus ertragen. Freilich ist er schon zwei Jahre tot, die bloße Vorstellung von seiner Grimasse läßt mich indes vom Klarinettenunterricht Abstand nehmen. Dabei war mein Onkel so freigiebig... Er kaufte mir ein Klavier, und hätte ich nur mehr Interesse für seine Vorschläge bekundet, wären auch eine Geige und ein Waldhorn in mein Zimmer eingezogen. Bestimmt hätte ich darauf zählen können, von einem renommierten Lehrer in diesen Instumenten unterrichtet zu werden. Dank meiner penetranten Naivität gelang es mir, meine Zukunft in diesem Land der beim Schopf zu ergreifenden Möglichkeiten mit dem Spiel auf einem Instrument zu assoziieren. Ich konnte die Augen schließen - und mir, an der Balustrade lehnend, verstohlen die Lackschuhe blankreiben, weil ich wie üblich vergessen hatte, die Überschuhe anzuziehen und nun nicht mehr viel Zeit blieb, zwischen den ungeduldigen Kollegen im Orchester Platz zu nehmen.
"Die Carnegie Hall6 ist keine verrauchte Pinte in Brooklyn", warf mir, mitsamt seinem porzellanenen Lächeln, Arnold Zemlinsky7 hin.
"Der Wagen meines Onkels war defekt!" versuchte ich halblaut mein Zuspätkommen zu rechtfertigen.
"In Wien..." Nun ja, jetzt flüsterte er mir was von seinen Jahren auf dem Konservatorium, seiner Freundschaft mit dem Maestro, seiner Liebe zu Wagner und erinnerte mich vermutlich daran, daß ich besser die Instrumentenkästen tragen sollte und...
"...sobald ich Dirigent bin", zischte Zemlinsky, "darfst du zu spät kommen und in durchgeweichten Lackschuhen herumlaufen. Wie du sicher schon bemerkt hast, schaue ich nie ins Publikum..."

Bestimmt hatte sich mein Onkel meine Karriere als Musiker anders vorgestellt, sofern er überhaupt imstande war, meine Zukunft nicht mit der eigenen Person in Zusammenhang zu bringen. Ich denke, Musik tolerierte er allenfalls. Er brauchte nicht zu sparen, also kaufte er ein Klavier, das zweifellos ein praktischeres Möbelstück ist als ein Pianola. Das wirft dir jeder x-beliebige Witzbold an. Und wie er dabei seinen Träumen nachhängen kann, fest auf das Repertoire vertrauend, welches er beabsichtigt, während des soeben begonnenen Hauskonzerts zu präsentieren. Wer weiß, zu was für Argumenten man hätte greifen müssen, damit der Pianolaspieler es erlaubte, die abendliche Stille zu genießen. Es lohnt nicht, weiter über meinen Onkel herzuziehen und hier noch zu beschreiben, wie die bloße Anwesenheit eines Pianolas im Zimmer eines gescheiterten, wenn auch verständnisvollen und sich unterordnenden Virtuosen wie ich einer bin, dem Onkel nicht gestattet hätte, sich - die Zeitungen auf dem Schoß ausgebreitet - schläfrig in seinen Sessel zu verkriechen.

Im nächsten Brief schreibe ich über Rosy Rosenthal. Rosy R. und das Pianola? Nein, irgendwie haut das nicht hin. Ansonsten weiß ich schon, womit ich beim nächsten Mal beginne.

New York, um den 30. März

* * *
Der Ritter vom Orden der Geknechteten; Der heilige Bootlegger8; Cousin des Giovanni Bernardone9; Osiris von Brooklyn10; Der den Hiob Beschützende Sabäer11; Der Katharer auf dem Scheiterhaufen12; Der Engel, der den Isaak entriß; Der Bändiger des Großen Tiers13; Der Exkommunizierte Priester vom Metropol; Barde des Schmutzigen Gepäcks... In den zahllosen Reportagen über die drei Kugeln, die Rosy Rosenthals Bauch um vier Uhr in der Frühe erwischten, stieß ich auf zweiunddreißig Titel14, mit denen man den Mann bedacht hatte. Was wunder, daß ich bei mir beschloß, der Legende auf den Grund zu gehen. Das war nicht leicht. Ich will damit sagen, daß ich - obwohl ich mich in die Lektüre der Rosenthal besingenden Chroniken vertiefte, was ich vor dem Onkel streng geheimzuhalten hatte - stets davon träumte, jene Gegenstände zu berühren, die Der Prophet vom Times Square15 wohl auch berührt hatte. Aus dem Kopf schlagen mußte ich mir, beispielsweise seinen Plüschsessel zu berühren, der in der Mitte des Metropols stand, wo es möglich war, von dreitausend Tellern gleichzeitig zu speisen. Daß es mir an Geld und an einem Einfall ermangelte, den Onkel zu einem Essen im Metropol zu überreden, war einer der Gründe. Der Onkel sagte gern, in den exklusiven Restaurants brodele es nur so von linken Gesprächen, welche er, der es zu Vermögen gebracht habe und nur vier Stunden täglich schlafe, für das Geschwafel von Nichtstuern halte. Wie mein Onkel keine Besuche im Metropol brauchte, so brauchte ich kein Geld, während ich im sechsten Stockwerk seines Hauses wohnte. Es genügte, mit dem Lift nach unten zu fahren, und ich hatte einen Verkäufer an der Seite, der, ein Lächeln auf den Lippen, jede Bitte des Neffen seines Prinzipals bereitwillig erfüllte.

Das Kind des Zertreuten Gottes hatte in seiner Launenhaftigkeit verlangt, mitten im Speisesaal einen Sessel aus seinem Hause aufzustellen. Er aß gern viel und lange. Der ausgediente Sessel mußte im Metropol stehen, und dort stand er. Hatte es sich Der Herr des Hades darin bequem gemacht, pflegte er mit Wonne - so die Behauptung Izzy Bronsteins16, der mir erst auf meinen siebenten Brief einen Termin für einen Treff gewährte -, vor seinen Gästen und den umliegenden, andächtig lauschenden Tischen seine Visionen über künftige Zivilisationen auszubreiten. Auch darin war er gut. Die Zuhörer durften dem Wogen seiner Sätze folgen, welche vor ausgefallenen Flüchen sprudelten und durchwoben waren von den Explosionen seines tubalen Gelächters. Die Kellner flüsterten frisch gewonnenen Gästen ins Ohr, man habe die Halteseile der Kronleuchter um drei Meter gekürzt, damit das Kristall nicht zerspringe durch ein verirrtes Lachen. Das, wie man wisse, ihm gehöre. Psst.

In dem Brief, der mir Termin und Ort des Treffens mit Izzy Bronstein, dem einstigen Agenten des Federal Bureau, bekanntgab, fand ich Verse von Max Westman17, dem Prohibitionspoeten, wie Rosy R. seinen Hofdichter gewöhnlich nannte.

Westman speiste am Tisch von Rosenthal ausgiebig und widersprach nur hin und wieder, wenn es hieß, er habe seit drei Tagen keinen Bissen mehr im Mund gehabt. Die Zeit mit ihm verging über lebhaften Gesprächen, denen die Spasmen tubalen Gelächters von Herrn R. nichts anhatten. Man brauchte nicht lange hinzusehen, um zu entdecken, daß Rosy für den Dichter Sympathie empfand. Bronsteins Brief bot sogar Anlaß, mir eine Szene vorzustellen, wo The Big Rosy dem aufgeregt gestikulierenden Westman besänftigend über den Arm strich. Und ganz normal, wie ein älterer Bruder, versuchte, ihn auf den Platz zurückzuziehen, von dem ihn die plötzliche Erinnerung an ein Entsetzen hochtrieb.

Vielleicht hatte Izzy B., der Agent mit dem immer neuen Bart, diesmal einem roten, unter ähnlichen Umständen die Verse notiert, welche da rezitiert worden waren. Wahrscheinlich hatte Max W. Rosenthals Aufsicht abgeschüttelt. Die Kellner, durch derlei Vorfälle bereits gewitzt, verkrümelten sich im Saal. Trotz entschiedener Proteste schmetterte der Dichter: "Marx säte in mir aus die Liebe zur Gerechtigkeit / wen sollte es wundern, daß ich weine / auf Arbeiter schießen sie, die singen Lieder der Revolution in dezemberlicher Straße / ich dulde nicht, daß man in mich Geschichte senkt, während ich Mütter sehe, umherirrend / denn hinter irgendeiner Ecke reißen sie ihn an sich, den Rest vom Lohn des ganzen Proletariats / in ihrer Gier / die Kinder aber müssen in die Schule / Schuhe für den Winter sind zu kaufen / auf dem Tisch zu pflanzen ist der Festtagsgarten / nun, und es wäre gut, wenn man für alles das eine Metapher fände / eine Lobpreisung des Dezember /

Der Fahrer, mit abwesendem Blick wie üblich, stammte von Sumatra und mochte diese Stadt nicht. Unlustig fuhr er mich zu dem Treff mit dem Agenten. Er verließ nicht gern sein Zimmer am Ende des Flurs. Er hatte Papageien gezüchtet, und nur mein Onkel hatte ihn besuchen dürfen. Nach dem Tod des Onkels entließ der Fahrer die Vögel in die schwüle Nacht. Am Morgen fanden sie die Verkäufer, die den Gehsteig vor dem Warenhaus fegten - allesamt tot. Staunend entdeckten wir, daß sie grau waren. Diesen Umstand schob man ihrem plötzlichen Tod zu. Der Fahrer trug den Verkäufern auf, die toten Papageien in einen Metallmüllkübel zu werfen, und verstummte. Seitdem zuckte er lediglich die Achseln, und man mußte sich selbst zusammenreimen: widersprach er oder war er einverstanden.

Mühsam schlängelten wir uns mit der Limousine durch die nachmittäglichen Straßen. Aus Langeweile versuchte ich, das Gedicht zu lesen, das mir der Agent gesandt hatte. Kaum hatte ich mich´s versehen, konnte ich es auswendig, obwohl ich den Inhalt nicht verstand. Mir schwante nur, es sage Pogrome voraus, die auf eine atemlose Gerechtigkeit abzielten. Die Limousine döste hinter einem schnaufenden Taxi, dessen Fahrer sich nicht mit einem den Verkehr stoppenden Polizisten abfand. Ich versuchte, meine Gedanken zu sammeln, was mich schwer ankam. Im übrigen ist das mit einer lange erwarteten Verabredung immer so - brichst du dazu auf, bist du dir deiner Beweggründe sicher, und schließlich vergeht dir jede Lust, wenn dich ein vor Verzweiflung stummer Fahrer zu dem Treffen bringt.
Von Zweifeln gebeutelt und stumpf geradeaus starrend, gewahrte ich plötzlich, daß der Schlag der Limousine aufging und sich ein kleiner Rothaariger in den Wagen zwängte. Noch ehe ich ihm die Hand drücken konnte, sagte er:
"Izzy B., wie der einstige Agent."
"Karl...", murmelte ich verstört.
"Ich werde so lange sprechen, wie der Fahrer braucht, um am Ende der Straße anzulangen. OK?"
"Ja...", stammelte ich.
"Du mußt dich nicht beeilen, Junge", - das wohl zu dem Fahrer.
"Hast du gehört!" Diesmal schrie ich entschlossen den Fahrer an.
"Es geht um diese Ratte Rosenthal. Und keinerlei Fragen, verdammt. Nun also", fuhr er fort, "wie ich bereits erwähnte, er war eine Ratte, vor allem das solltest du dir merken. Und wie jede Ratte, war er verdammt intelligent und schwer ausrottbar. Er handelte mit Schnaps, fraß für sieben Hungerleider auf einmal und hatte Stil. Man konnte ihn bewundern..Er half den Armen, das stimmt, aber verwechsle ihn nicht mit den Radikalen, dem kommunistischen Geschrei. Der machte sich in seinem Wahn und seiner Vernarrtheit in den Terror nicht vor, daß er eine Welt erschafft, in der es eine befehlsgebende Schicht nicht gibt. Wie oft hat er seine linksgerichteten Kumpels verhöhnt, mitsamt ihren Verheißungen für die Zukunft. Es stimmt, sie sind den gleichen Weg gegangen - sie haben der Gewalt vertraut -, doch die anderen hätten die Vergangenheit gern ausgelöscht und in Gerechtigkeit geschwelgt. Rosy hat ihre Tiraden mit Gelächter quittiert, hat durch das ganze Metropol gebrüllt, dem Staat müsse man soviel wie möglich aus den Klauen reißen, alles, was nur geht. Ihn in Bedrängnis bringen, aushöhlen, streiken und Lieder singen, Bandit sein, aber ohne Illusionen leben. Falls nötig, Schädel einschlagen und nicht vergessen: die Vergangenheit, Heraklit, es gibt keinen Gott auf Erden. Alles tun, daß Abraham den Isaak nicht opfert, aber niemals, nach dem Muster der Kirchenväter, einen Irrglauben in den Leuten entfachen. Es reicht, daß beim Mord an den Bewohnern des Städtchens Béziers18 im 13. Jahrhundert der Mensch verraten wurde. Möge der Times Square von diesem Verrat frei sein", predigte Rosy.

Wir hatten wohl zu lange am Ende der Straße gestanden, denn hinter uns bildete sich eine Schlange von Autos, die darauf warteten, daß wir uns entschieden.
Die wütenden Hupen veranlaßten den pensionierten Agenten, die Limousine zu verlassen. Noch als er auf dem Gehsteig stand, versuchte Izzy B. mich von der Idee, ein Buch über den Propheten vom Times Square zu schreiben, abzubringen. Für ihn war ich ein Apologet des Kitsches. Er sagte auch:
"Du mußt ein ziemlich sonderbarer Vogel sein, wenn dein Chauffeur beim Lenken einen Papageien auf der Schulter hat. Ich stehe auf sonderbare Vögel."
"Einen Papageien?!" schrie ich auf.
War ich denn blind?

Aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann

Anmerkungen
(Verfasser der Anmerkungen ist der Prager Antiquar Markus Brod)

1. Rosch Haschana; jüdisches Neujahrsfest. Wie alle jüdischen Feiertage ein bewegliches Fest. Zu Rosch Haschana wird Gericht über die ganze Welt gehalten. An diesem Tag sollst du die Menschen, die du kennst, um Vergebung bitten. Dieser Brief steckt voller Anspielungen auf Paracelsus, eigentlich A. Theophrast Bombast von Hohenheim (1493-1541), der Arzt, Chemiker, Philosoph und Begründer der Jatrochemie, mit andern Worten, der Lehre von den Mixturen war.
2. Pantokrator; nicht zu verwechseln mit pankration - einer Art Ringkampf im antiken Griechenland, bei dem alle Griffe erlaubt waren. Das ist wohl ein gewisser Unterschied.
3. Rosy Rosenthal; es handelt sich um Herman Rosenthal, den Favoriten des Verfassers von Der große Gatsby, Scott Fitzgerald.
4. "...Begeisterung und Macht atmend..."; so konnte nur Jack London schreiben.
5. Hier geht es um den Baseballroman Das Talent von Bernard Malamud (1915-1986). Abgesehen davon, daß es sich lohnt, Malamud zu lesen, sollte man wissen, daß er aus Brooklyn stammte.
6. Die Carnegie Hall ist keine verrauchte Pinte in Brooklyn.
7. Arnold Zemlinsky könnte der Komponist Alexander von Zemlinsky sein, der mit Arnold Schönberg (1874-1951), dem Schöpfer von "Pierrot lunaire", 21 Melodramen für Sprechstimme, Klavier, Flöte, Klarinette, Violine und Violoncello zu Versen von A. Giraud in der Übersetzung von O.E. Hartleben, befreundet war.
8. Bootlegger meint einen Menschen, der mit dem Schmuggel von Alkohol ein Vermögen gemacht hat. Liebhaber des Charleston.
9. Das nächste Stichwort im Kreuzworträtsel ist Giovanni Bernardone, also der heilige Franziskus.
10. Osiris, Dionysos, Prometheus - das ist eine Familie.
11. Die Sabäer fielen über Hiob her.
12. Im Griechischen heißt "katharos" rein. Es empfiehlt sich zu seufzen und der letzten, im 13. Jahrhundert ermordeten Katharer zu gedenken.
13. Plato verdanken wir die Bezeichnung der Gesellschaft als Großes Tier.
14. 32 Titel... Wohl eine Anspielung auf das Duell zwischen Apollinaire und Arthur Cravan, dem Dichter und Boxer, der Apollinaire das Wort "Jude" ins Gesicht schleuderte. Er glaubte, ihn zu beleidigen.
15. Times Square ist ein Platz, wo man die größten Kinos des Sonnensystems hingebaut hat. Als Beispiel mag das Kino "Roxy" für sechstausend Zuschauer dienen. Auf dem Times Square tanzt man Swing. Zum Tanz spielen Big Bands auf.
16. Bei dem Agenten des Federal Bureau handelt es sich zweifellos um den Agenten des Federal Bureau Izzy Einstein.
17. Max Westman ist höchstwahrscheinlich der radikale Politschriftsteller Max Eastman, der in einem berühmten Prozeß für Gedichte, die dem zitierten ähneln, zu tausendfünzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Es hieß auch, zweihundertundfünfzig Jahre bekäme er für den Schmuggel von schottischem Whiskey. Nach amerikanischem Gesetz holen Archäologen den in seiner Zelle Eingemauerten nach dem Jahr 2977 mit ihren Brecheisen heraus.
18. Béziers liegt in der Languedoc am Canal du Midi. Welche Gründe die Ermordung der Einwohner des Städtchens hatte, kann man nur vermuten. Das Lexikon schweigt sich zu diesem Thema aus.

 aczakPiotr Czakański-Sporek - geb. 1965. Prosaiker, Maler, Kulturmanager in Krakau, wo er der künstlerische Direktor des jährlich veranstalteten Festivals jüdischer Kultur "Bajit Chadasz" ist. Autor von drei Romanen: Pierrot i Arlekin (1991), Ostatnia amerykańska powieść (1993, Der letzte amerikanische Roman), Aj (1996, alle Romane erschienen in Bielsko-Biała). Der erste Roman erzählt von der Einweihung in die Kultur, der bekannteste Roman, Ostatnia amerykańska powieść zeigt die Geschichte eines mit seiner familiären und nationalen Tradition ringenden jüdischen Emigranten, und stellt gleichzeitig ein postmodernistisch-trügerisches Spiel mit Kafkas Werk Amerika dar. Aj setzt diese Problematik fort. Czakańskis Bilder waren in der Popper-Synagoge und Camelot-Galerie in Krakau ausgestellt. Lebt in Pszczyna.

Die literarische Vierteljahreszeitschrift "FA-art" wurde 1988 von einer Studentengruppe gegründet, die mit dem schlesischen Kreis der pazifistischen Bewegung Wolność i Pokój (Freiheit und Frieden) verbunden war. Anfangs erschien die Zeitschrift im sog. zweiten Umlauf, d.h. außerhalb der Zensur. Ein Jahr später übernahm Cezary Konrad Kęder die Redaktion und die Titelrechte. Er gab der Zeitschrift ihre eindeutig literarische Richtung, auch wenn Literatur schon im ersten Heft ein wichtiges Thema war.
    Der Systemwechsel in Polen, der mit den Wahlen vom 4. Juni 1989 einsetzte, war für das literarische Leben von großer Bedeutung. Die Aufhebung der Zensur, Änderungen der Rechtslage, die Unbeweglichkeit staatlicher Verlage, die auf einmal ihrer Subventionen beraubt waren, der Untergang des Monopolisten im Buchvertrieb, das Ende vieler staatlich subventionierter Zeitschriften - all das förderte die Entstehung neuer literarischer Institutionen. Um so mehr, als es nur wenige der Verlage und Zeitschriften, die mit der Opposition der achtziger Jahre verbunden waren, schafften, sich unter den neuen Bedingungen institutionell anzupassen. Am besten kamen die Neulinge zurecht, die im ganzen Land Zeitschriften ins Leben riefen und dabei häufig von den lokalen Behörden finanziell unterstützt wurden. Eine wichtige Rolle spielte auch die stereotype Erwartung, daß die gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen auch Veränderungen des literarischen und künstlerischen Lebens begünstigen würden. Sowohl die Kritik als auch das Publikum zeigte Interesse an den Debütanten, und suchte bei ihnen den Beleg für die Wende in der Literatur, die wiederum eine Bestätigung für die politische Zäsur sein sollte.
    Die wichtigste Rolle in der jüngsten polnischen Literatur spielten die generationsspezifischen Zeitschriften, die bereits Mitte der achtziger Jahre entstanden waren und schon bald ihr jeweils eigenes Profil entwickelten, auch wenn sie damals noch im zweiten Umlauf erschienen ("bruLion" aus Krakau und - weniger ausgeprägt - "Czas Kultury" aus Posen). "FA-art" war zu diesem Zeitpunkt nur eine von den vielen studentischen Literaturzeitschriften mit einem nicht allzu großen Wirkungskreis. Bis 1992 gelang es, gerade fünf bescheidene Nummern mit literarischen bzw. kritischen Texten herauszugeben. Finanziert wurden sie überwiegend von den Redakteuren selbst. Aber gerade in diesen Jahren bildete sich das Redaktionsteam und das Programm der Zeitschrift heraus. Seit 1992 erscheint "FA-art" nun regelmäßig.
    Das erste Heft, das auf größeres Interesse stieß, war wohl die Doppelnummer 2/3 von 1993 (12/13). Außer Cezary K. Kęder waren damals in der Redaktion: Marcin Herich, Stanisław Mutz und Krzysztof Uniłowski. Zu den engsten Mitarbeitern gehörten Piotr Czakański-Sporek und Dariusz Nowacki. "FA-art" betonte seine Besonderheit durch einen spezifischen Programmcharakter. Sehr schnell wurde bemerkt, daß es unter all den neuen Literaturzeitschriften, die Zeitschrift mit dem deutlichsten und konsequentesten Profil war, und das, obwohl die Redaktion nie ein Programm oder Manifest sensu stricto vorgestellt hat. Das war auch überhaupt nicht nötig! Das "Programm" war ein Ergebnis des Treffens einer Gruppe von Debütanten, die sich hervorragend verstanden. Es verbanden sie Sympathie und Interesse und sie ergänzten sich gegenseitig hervorragend.
    Eine Eigenheit der Zeitschrift war die starke Akzentuierung der Literaturkritik. Das war kein Zufall. Die Verbindungen zur Polonistik an der Schlesischen Universität waren immer sehr stark, wenn auch nie formaler Natur. Während die jungliterarische Kritik (wir nennen sie "jungliterarisch", wobei man unbedingt hinzufügen muß, daß es in den neunziger Jahren in Polen gar keine andere gab) durch eine personenbezogene Einstellung geprägt war, und ihr Diskurs in der Regel einen impressiven und intimen Charakter besaß, schlug "FA-art" die analytische Option vor, indem sie die Tradition des Strukturalismus mit den postmodernistischen Sympathien in Einklang zu bringen suchte. Auch das war etwas Neues. Die Postmoderne wurde in Polen erst in den neunziger Jahren zum Thema. In der Regel jedoch - sagen wir es euphemistisch - war man weder dem Begriff noch der Erscheinung selbst zugeneigt.     In der Symphatie für den Postmodernismus glaubt man gewöhnlich die eigentliche Besonderheit der Zeitschrift zu finden. Man muß klar sagen, daß dies keine zufällige Wahl oder gar Mode war (zur Mode wurde in Polen dagegen die Kritik am Postmodernismus - am häufigsten in feuilletonistischer Manier betrieben). Schlesien war höchstwahrscheinlich die einzige Region in Polen, wo eine Zeitschrift wie "FA-art" entstehen konnte. Schlesien hat selbst keine größeren literarischen Traditionen und bildet - infolge der langjährigen Innenmigrationen - in gesellschaftlich-kultureller Hinsicht einen spezifischen, inkohärenten Wirrwarr, in wirtschaftlicher Hinsicht aber wurde es für die Moderne… zum Denkmal. Schlesien hat auch eine administrative Eigenheit - die Grenzen zwischen den Städten sind gänzlich verwischt, sogar Kattowitz läßt sich schwer als kulturell-wirtschaftliches Zentrum der Region bezeichnen und ließe sich vortrefflich mit der Wurzelstock-Metapher beschreiben. An Paradoxen mangelt es hier nicht: Den heute wirtschaftlich und kulturell integralen Teil von Schlesien bildet das Dąbrowskie-Becken, das einmal zum russischen Teilungsgebiet gehört hat und seine eigene kulturelle Spezifik sowie andere politische Traditionen besitzt. "FA-art" konnte zwischen einer regionalistischen und einer postmodernistischen Option wählen. Es sollte nicht verwundern, daß die Entscheidung intuitiv auf die zweite fiel, da es in der Sprache (im Polnischen oder in der Mundart) nicht einmal ein Wort gibt, mit dem die Identität der Mehrheit der Redaktionsmitglieder bezeichnet werden könnte. Wir sind keine Schlesier, aber wir sind auch keine Zugezogenen, keine "gorole" - wie die Schlesier die zugewanderte Bevölkerung nennen.
    Währenddessen erfreut sich im literarischen Leben Polens der neunziger Jahre aber gerade der Regionalismus einer besonderen Gunst - in der Regel handelt es sich dabei um einen proeuropäischen Regionalismus (dieVision von einem Europa der Heimatländer), der die Vorteile der Vielfältigkeit betont, und den Dialog der Kulturen und lokalen Traditionen befürwortet. Wenn "FA-art" dieser Option in gewissem Sinne polemisch gegenübersteht, dann liegt das am kritischen Verhältnis zum Begriff der Identität, die eine metaphysische Beziehung zwischen dem "Ich" und dem Sein, sowie dem Sein, dem Ort und der Wahrheit herstellt. Daher stehen wir der sog. "Heimatliteratur", die nach Meinung vieler Kritiker die bedeutendste literarische Strömung in der polnischen Literatur der neunziger Jahre darstellt, skeptisch gegenüber.
    Um die Mitte der siebziger Jahre machte sich im polnischen literarischen Leben eine Abkehr von den neuen (neoavangardistischen) Tendenzen bemerkbar. Das Ansehen solcher Dichter wie Czesław Miłosz, Zbigniew Herbert oder Tadeusz Konwicki wuchs auf Kosten der Popularität von Autoren wie z.B. Tadeusz Różewicz. Im Fieber der politisch-kulturellen Debatten der achtziger Jahre wurden Schriftsteller mit innovatorischen Ambitionen ziemlich abwertend als "Soz-Parnassianer" bezeichnet. Niemand stellte ihren künstlerischen oder intellektuellen Rang in Frage, sie wurden jedoch als veraltet verworfen und in die Literaturgeschichtsbücher verbannt. Die Debütanten der neunziger Jahre, die generell das im Jahrzehnt zuvor geltende Verständnis von dem, was Literatur zu leisten habe, ablehnten, suchten ihre Meister und Schutzherren unter den fremden Schriftstellern (wie z.B. Lyriker der New Yorker Schule, vor allem Frank O’Hara). Wir erinnerten in unserer Zeitschrift dagegen an die Leistungen der größten Vertreter der polnischen neoavangardistischen Literatur - an Tymoteusz Karpowicz, Witold Wirpsza, Miron Białoszewski, Teodor Parnicki… Wenn man in der Geschichte der polnischen Literatur weitergeht, stellen sich die meisten meiner Zeitgenossen an die Seite von Bruno Schulz (Renaissance der mythographischen Prosa), wir dagegen - an die Seite von Witold Gombrowicz. Die Literaturkritik nahm die Debüts der siebziger und achtziger Jahre, deren Autoren sich bemühten, avangardistische literarische Strategien zu entwickeln, sehr ungnädig auf. Diese Wertung aus der gar nicht fernen Vergangenheit wurde von unseren Zeitgenossen in der Regel übernommen. Umso mehr, als es dadurch leichter ist, sich selbst als etwas ganz Besonderes darzustellen. Und wieder, "FA-art" erinnert gerne an die damaligen Werke (von denen manche schon postmoderne Züge tragen), ohne den allgemeinen - vorgetäuschten oder echten - Gedächtnisschwund hinsichtlich der jüngsten Literatur zu akzeptieren, und ohne sich mit der großen These von dem "schwarzen Loch in der polnischen Prosa der achtziger Jahre" einverstanden zu erklären.
    Es sollte also nicht verwundern, daß die Zeitschrift - obwohl sie mit ihrer Geschichte selbst zum Phänomen der 60er-Generation gehört - den Leistungen ihrer Altersgenossen gegenüber eine kritische Distanz wahrt. In unseren Spalten haben wir mit der These einer ästhetischen Zäsur des Jahres 1989 polemisiert. Genauso stellten wir auch die Überzeugung in Frage, die "Jungen" unterschieden sich von ihren Vorgängern, indem sie neue Qualitäten anbieten oder neue literarische Erscheinungen anregen würden.
    Es war das große Glück von "FA-art", daß sich unter den Redakteuren und Mitarbeitern der Zeitschrift auch ein paar begabte Kritiker befanden. Sie wußten die neuen methodologischen Impulse zu nutzen, und für einen erkennbar eigenen Stil und unabhängige Urteile in ihren Texten zu sorgen. Parallel zum Auftritt der Debütanten in den neunziger Jahren gab es glücklicherweise eine interessante Bewegung in der Literaturkritik. "FA-art" spielte dabei eine beachtliche Rolle und zog im Laufe der Zeit auch Autoren an sich, die sonst mit anderen Titeln und anderen Kreisen verbunden waren; und zwar sowohl Kritiker als auch Lyriker oder Prosaiker.
    Die vorliegende Ausgabe unserer Vierteljahreszeitschrift bringt eine Auswahl der literarischen und literaturkritischen Texte, die zum großen Teil schon einmal bei uns publiziert wurden. Einer möglichst großen Verständlichkeit zuliebe, haben wir sie z.T. etwas gekürzt. "FA-art" hat den Ruf, eine ehrgeizige und schwierige Zeitschrift zu sein. 1996 verglich Arkadiusz Bagłajewski, Chefredakteur der Lubliner Vierteljahreszeitschrift "Kresy", unsere Zeitschrift mit der angesehenen, literaturwissenschaftlichen Fachzeitschrift "Teksty Drugie", die vom Institut für Literaturwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird. Nun, wenn in dem Vergleich ein bißchen Wahrheit steckt, ist das für uns ein Kompliment. Man muß auch gleich hinzufügen, daß ein Vergleich mit den "jungliterarischen" Zeitschriften, die dem Ethos und der Poetik der art-zin entstammen, ebenfalls möglich wäre. Allem Anschein zum Trotz kann man - so hoffen wir - das Akademische mit der Gegenkultur verbinden. In Zeiten der Massenkultur ist so eine Verbindung vielleicht sogar ganz natürlich.
    Ist "FA-art" eine schwierige Zeitschrift? Nein, wir betreiben keine l’art pour l‘art - das, was Kritiker der Zeitschrift als elitäre Züge einstufen, ist schlicht das Ergebnis einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den besprochenen Problemen und kommentierten Büchern, resultiert aus dem Mißtrauen und Widerwillen gegen triviale, publizistische Vereinfachungen. Dabei vergessen wir nicht, daß die Literatur und das Schreiben über die Literatur auch eine Unterhaltungsfunktion haben.
    Das Heft, das Sie in Händen halten, wurde so vorbereitet, daß es in seinem literarischen und kritischen Charakter, in seiner Redaktion und graphischen Gestaltung das Profil unserer Zeitung widerspiegelt. Zugleich wollten wir die nach unserer Meinung wichtigen literarischen Erscheinungen und Debatten der letzten Jahre vorstellen. Aus diesem Grund drucken wir in einigen Fällen (mit der freundlichen Erlaubnis unserer Freunde und Mitarbeiter) Texte, die zuvor in anderen Zeitschriften erschienen sind.
    Außerdem stellen wir einige Prosatexte in Auszügen vor, die entweder von unserer Zeitschrift veröffentlicht oder dort ausführlich besprochen und empfohlen wurden. Wir hoffen, daß diese Publikation dazu beiträgt, das Bild von der jüngsten polnischen Literatur zu vervollständigen, und es den interessierten Lesern ermöglicht, Einblicke in Charakter und Klima des polnischen literarischen Lebens zu gewinnen.
Czytany 5424 razy Ostatnio zmieniany niedziela, 18 październik 2015 21:30

Artykuły powiązane

Strona www.FA-art.pl wykorzystuje informacje przechowywane w komputerze w formie tzw. ciasteczek (cookies) do celów statystycznych. Dowiedz się więcej.