Als ich über den Rajska rzeźnia (Paradiesischen Schlachthof) schrieb, mischte sich Begeisterung mit einem Gefühl des Unbefriedigtseins. Bei der Lektüre des dritten Buches von Krzysztof Śliwka, Niepogoda dla Kangura (Schlechtes Wetter für das Känguruh), wußte ich nicht, was sich womit mischen soll.
Als ich über den Rajska rzeźnia (Paradiesischen Schlachthof) schrieb, mischte sich Begeisterung mit einem Gefühl des Unbefriedigtseins. Bei der Lektüre des dritten Buches von Krzysztof Śliwka, Niepogoda dla Kangura (Schlechtes Wetter für das Känguruh), wußte ich nicht, was sich womit mischen soll. Es las sich wunderbar, ich glitt ohne anzuhalten über diese glatten Verse (die ich aus der literarischen Presse fast auswendig kannte). Dann stieß ich plötzlich gegen eine Mauer und bekam die realen Grenzen dieser Welt zu spüren. Eine Begrenzung, die ihren Ursprung im geistigen Klima der Epoche hat und nicht Schuld des Autors oder seines Unvermögens ist, über sich selbst, über seine Möglichkeiten hinauszugehen. Das, was ich beim ersten Mal wie das Fehlen eines festen Grunds (einer Metaphysik) empfunden hatte, und sich mir nun als Mauer darstelle - an der ich mir in meinem Schwung kurz den Kopf anschlug -, ist etwas, über dem ich nicht in schulmeisterlicher Pose stehen kann (dazu hätte ich in Krakau geboren werden müssen, gleich neben der Kathedrale), denn das wäre so, als wollte ich mich selbst mit Füßen treten - und viele der "Unsrigen" - und das nur deshalb, weil wir nicht glauben können, daß man überhaupt an etwas ernsthaft und vollkommen glauben kann.
Wir alle sind in solcher Weise eingeschränkt, der Held - und schließlich auch der Autor selbst - ist es jedoch auf gefährliche Art, er spielt mit dem Schicksal, steht immer am Abrund, experimentiert mit seinem eigenen Leben und nicht mit einem Handbuch der Poetik. Und deshalb beunruhigt mich diese Begrenztheit, der begrenzte Umfang von Bildern und Registern (aber vor allem des Tons), so sehr - um den Helden sorge ich mich wie um jemanden, der mir nahesteht, und um den Autor mache ich mir ganz gewöhnlich Sorgen wie um einen Freund. Ich habe einfach Angst vor den weiteren Konsequenzen dieser Wahl. Es ist die Angst eines Kleinbürgers, der schon vergessen hat, was es heißt, zu allem bereit zu sein, bei jedem Ruf und jeder Regung der freien Seele, bereit für den Weg, das Abenteuer und das Risiko. Fürwahr, "mein Leben muß schrecklich sein, es schlägt nie über die Stränge." Um solche wie mich hat sich schon Charles Bukowski gesorgt. Bei uns tut das Krzysztof Śliwka.
Und doch muß etwas an der Sache dran sein, es muß ihn - eigentlich seinen Helden - etwas plagen und ihm keine Ruhe lassen (die geheime Sehnsucht nach Stabilität?), wenn er seine Rebellion, das Risiko, das er auf sich nimmt, und seine lebenskünstlerische Wahl auf einen bürgerlichen Hintergrund bezieht und in der Opposition, in einem anfechtbaren Schwebezustand verharrt. Ganz so, als ob er - ohne zwingenden Grund - Höher- und Minderwertigkeit, Wichtig- und Unwichtigkeit beweisen wollte, als wollte er diese beiden wichtigsten existentiellen Entscheidungen in eine Rangordnung stellen: die Ablehnung des "Über-die-Stränge-Schlagens" (also Demut und bürgerlicher Zwang) und die Zustimmung zu einem irrlichternden Leben im Ringen und im ständigen Rausch und "Über-die-Stränge-Schlagen". Zum Glück gibt es in einer Dichtung, die sich in solche Höhen erhebt, keinen Platz für Didaktik. Auf diese Betrachtungen brachten mich Ahnungen, nicht Zitate. Das heißt jedoch nicht, daß diese Dualität - des Ekels und der Sehnsucht, die mit einem ruhigen Leben einhergehen - nicht zwischen den Zeilen herauszulesen ist.
Ebensowenig ist hier Platz für ethische Oberflächlichkeiten, für Schwarz-weiß-Schemata. "Was willst du von Krzysztof Śliwka, er hat doch nur die Technische Hochschule für Bauwesen absolviert", hörte ich von irgendeinem Blödmann. Ich will sehr viel von Krzysztof Śliwka. (Und das unterscheidet mich von der Mehrheit der Leser, die sich über den sprachlichen Hochseilakt des Dichters aus einer Kleinstadt Ząbkowice kaputtlachen und sich unbekümmert am Erscheinen des nächsten echten Dichter-Kaskadeurs nach Andrzej Bursa und Rafał Wojaczek erfreuen.) Von Anfang an wollte ich viel von ihm. So wie man das von einem wirklich großen Talent will. Er hätte auch gar nicht zur Schule gehen brauchen, ähnlich wie Witkacy, denn er hätte sich auch so in der Kunst zu helfen gewußt, da er das gibt, was er uns allen, weniger entschlossenen, schon die ganze Zeit unermüdlich gibt: die Energie des Spotts, die Demaskierung der Metaphysik, das konsequente Zurückweisen des Scheins, die Melancholie über das Ende bestimmter anthropologischer Muster, die Kraft und den Willen, die Beleidigungen beim Namen zu nennen, die uns die Welt ostentativ und notorisch antut. Und auch die bittere Weisheit, die in diesem Band durchschimmert und verblüfft - trotz der Realien von Kneipen, Drogen und Pennertum.
Die Reife dieser Lyrik, die Reife (in der Unreife, wird jemand sagen) ihres Helden hat mich in den Schilderungen des Abschieds vom Diesseits, von dieser Welt (was auch immer das bedeutet), des Abschieds von einem Freund am intensivsten berührt. Das Porträt seines nächsten Freundes - ich unterlege es für mich mit Marek Karwowskis Gesicht - zerbricht weder durch Tränen oder Rührseligkeit noch, andrerseits, durch die Aggression des Nonkonformisten, sondern zeugt von einem friedvollen, klugen und sicheren Wissen, daß die Abenteuergemeinschaft nun ein Ende hat, die Wege einer Generation sich getrennt haben und der Raum - zwischen "wir hatten Zeit" und "der Atemnot des Langstreckenläufers" - zusammengeschrumpft und zerrissen ist, und nun Öde und Leere zu Tage treten.
Eines ist sicher, wir gehen auf die Dreißig zu, nehmen Gelegenheitsarbeiten an,
schlafen in gemieteten Zimmern, gehen ziellos durch die Straßen.
[...]
das Gegengewicht sein zu den Nachrichten auf den ersten Seiten der Zeitungen unter der Rubrik
,steckbrieflich gesucht, immer auf der anderen Seite sein
mit den Konsequenzen rechnen und mit der Raffinesse bezahlter Mörder
[...]
Gedichteschreiben ist eine Beschäftigung für Idioten.
Du hast das viel früher begriffen als ich, aber jetzt sind wir
derselben Meinung und im Grunde geht es uns wirklich nichts an,
das kollektive Gejammer unserer Generation.
[...]
Wir wußten nicht, daß wir sehr bald vor der Wahl stehen würden,
wie gewöhnlich auf entgegengesetzten Polen landend, wie gewöhnlich
den Boden unter den Füßen verlierend. Du den Kopf voll von Theorie / und Praxis der Reklame,
ich am Ausgangspunkt zwischen der morgendlichen Dusche
und dem Sprung in die nächste Bar [...]"
Śliwkas Buch kann, vermute ich, weniger vertrauensvoll aufgenommen werden, als es bei mir der Fall ist. Ich stelle mir schon die Welle der Kritik vor, die sich gegen "Begrenzung" und "Banalität" erhebt, gegen die Gleichmachung von Trauer und Melancholie, der Auflehnung und Negation. Gegen die Poetik des Alltäglichen, das simple Aufzählen von Stunden, Tagen, Wochen, Monaten und Jahreszeiten. Ich glaube jedoch nicht, daß man Śliwka einfach leicht abtun kann, daß er im Feuer falscher Anwürfe (die kommen werden) untergehen wird. Ich weiß sogar, von welcher Flanke die schwersten Geschütze aufgefahren werden. Ich weiß, wie so eine Aktion beginnt, mit der die Bedeutung einer "Poesie des Lebens" liquidiert werden soll, solche Szenerien kenne ich auswendig. Ich gebe meinen Kopf dafür, daß es mit einem Sacrum beginnt, daß man etwas von geistiger Armut hören wird - aber wie zum Teufel soll der Geist beschaffen sein in diesen Zeiten? - daß "Werte" gepredigt werden.
Halt die Ohren steif, Krycho! Werte sind Hündchen, die du eines Tages mit einem Stück Brot, das du am Bahnhof aufgelesen hast, zähmen wirst.
Krzysztof Śliwka: Niepogoda dla kangura (Schlechtes Wetter für das Känguruh). Bydgoszcz: Instytut Wydawniczy "Świadectwo" 1996.
Aus dem Polnischen von Bettina Eberspächer
Karol Maliszewski - geb. 1960. Lyriker, Prosaiker, Literaturkritiker. Philosophiestudium an der Breslauer Universität. Arbeitet als Lehrer. Debütierte Mitte der achtziger Jahre. Autor der Gedichtbände Dom i mrok (Haus und Dunkelheit), 1985; Wiersz wolny (Blankvers), 1987; Miasteczko - prośba o przestrzeń (Das Städtchen - eine Bitte um Raum),1988; Będę przebywał wtedy jeszcze w Polsce (Ich werde dann noch in Polen sein), 1991; Młody poeta pyta o- (Ein junger Dichter fragt nach-), 1994; Rocznik sześćdziesiąty grzebie w papierach (Der Jahrgang 60 wühlt in den Papieren), 1996 und eines Werks in der Konvention eines Schein-Tagebuchs (Dziennik pozorny), Sopot 1997. Bekannt als Kritiker wurde er in der Posener Zweiwochenschrift "Nowy Nurt", wo er sich schnell den Ruf eines der originellsten (und fleißigsten!) Kritiker der jüngeren Generation erworben hat. Konsequent begleitet er die junge Lyrik, indem er sie regelmäßig in vielen Literaturzeitschriften bespricht. Ab 1996 ständiger Mitarbeiter von "FA-art". Lebt in Nowa Ruda.