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Specjalny numer kwartalnika w języku niemieckim, przygotowany na Targi Książki we Frankfurcie w roku 1998 - pełne wydanie.

środa, 07 październik 1998 20:30

Scherenschnitte

Napisane przez Dariusz Bitner
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(C)opyright Andrzej Tobis (C)opyright Andrzej Tobis

Ich saß gerade auf dem Fußboden in der Küche, als das Radio die sensationelle Nachricht brachte. Der erste Mensch im All. Ich horchte auf. Die Nachricht schien mir wirklich interessant. Da war also dieser Gagarin in einem Raumschiff, wie ich hörte. Mutterseelenallein. Ich bin auch schon ein paarmal auf einem Schiff gewesen, mit den Eltern. Dort bei jemand. Hat mir gefallen. Ich stand an der Reling, es wurde rasch dunkel. Das Wasser war pechschwarz. Und schön beleuchtet das Deck auf dem es von den kuriosesten Gerätschaften nachgerade wimmelte. Dicke Ketten, Metalltreppchen, fast so steil wie eine Leiter.

Ich saß gerade auf dem Fußboden in der Küche, als das Radio die sensationelle Nachricht brachte. Der erste Mensch im All. Ich horchte auf. Die Nachricht schien mir wirklich interessant. Da war also dieser Gagarin in einem Raumschiff, wie ich hörte. Mutterseelenallein. Ich bin auch schon ein paarmal auf einem Schiff gewesen, mit den Eltern. Dort bei jemand. Hat mir gefallen. Ich stand an der Reling, es wurde rasch dunkel. Das Wasser war pechschwarz. Und schön beleuchtet das Deck auf dem es von den kuriosesten Gerätschaften nachgerade wimmelte. Dicke Ketten, Metalltreppchen, fast so steil wie eine Leiter.

Daher konnte ich mir mühelos vorstellen, wie Gagarin an die Reling gelehnt dasteht und hinabschaut. Und das Schiff hat einen leicht aufgestülpten Steven und gleitet ganz gemächlich vor dem schwarzen Horizont dahin, mitten durch die blinzelnden Sterne. Das muß schrecklich sein, dachte ich. Das ganze Schiff leer, bis auf einen einzigen Menschen. Der übers Deck spaziert. Hier schaukelt eine Kette, dort quietschen Scharniere. Leer, still und so ein weiter Raum ringsherum.

Sogar ein bißchen gewundert hab ich mich, daß so ein Schiff da in den Kosmos geraten konnte. Durch irgendein Wunder. Aber das ist ganz klar ein Verdienst der Wissenschaft. Wenn das so einfach gewesen wäre, hätten schon längst andere Schiffe den kosmischen Raum befahren. Und wenn’s nicht gefährlich gewesen wäre, wäre Gagarin nicht ganz allein geflogen. Geflogen wäre eine ganze Besatzung. Ich hab selbst gesehen, daß ein Schiff eine ganze Besatzung braucht. Einen Kapitän, einen Maat und so weiter. Nun, und einen Koch, der, auch das weiß ich, auf einem Schiff Cook heißt.

Der Anblick eines traurigen, einsamen Mannes, der sich an eine Reling lehnt, hat mich über viele Jahre hinweg begleitet. (Ich bin sehr enttäuscht gewesen, als sich das Raumschiff als eine lange gemeine Rakete erwies.)


* * *

"Was willst’n mal werden?" fragte mich ein sommersprossiges Mädchen.
"Wie, werden?" Ich war verdutzt, "Was soll’n das?"
"Na, wenn du groß bist."
Darüber hatte ich nie nachgedacht. Ich machte eine geheimnisvolle Miene. Mir fiel absolut nichts ein.
"Na, ich werde jedenfalls Löwenbändigerin", verkündete die Sommersprossige stolz. (Ich denke, sie ist wirklich Dompteuse geworden, in einer anderen Rolle kann ich sie mir nicht vorstellen, es sei denn, sie hat Arbeit als Gefängnisaufseherin gefunden.)
Etliche Monate überlegte ich hin und her, was ich werden wollte. Ich erkundigte mich sogar bei jedem, der mir in die Quere kam. Doch keiner wußte es. Jeder sagte irgendwas Blödes. Na ja, vielleicht Milizionär, oder Ingenieur. Ein Onkel, den ich fragte, erwiderte blitzschnell: Und was willst du werden? Und Tante sagte: Du wirst bestimmt Priester, ich sehe dir das an den Augen an.
Mich quälte das und quälte. Bis ich eine Erleuchtung hatte eines schönen Tages. Möglicherweise auch eines Nachts, bewölkt oder windig.
Ich fand die sommersprossige Blage wieder.
"Weißt du, was ich werde?" fragte ich und erklärte, ohne die Antwort abzuwarten: "Nichts".
"Und ich werde Löwenbändigerin", sagte die kleine Idiotin.
"Und ich werde nichts", mein Entschluß war unerschütterlich.
(Na, und bitte!)

* * *

Oder das, wie ich mit dem Cousin, der zu den Ferien hergekommen war, spielte, und beide mußten wir kacken. Um weiter keine Zeit zu verlieren und damit keiner benachteiligt war, beschlossen wir, uns gemeinsam aufs Klo zu setzen, halbehalbe, was zu allem anderen noch den Vorzug hatte, daß wir unsere Unterhaltung nicht zu unterbrechen brauchten. Wir erledigten das Unsere, zogen die Hosen hoch, und ab ging’s, wieder auf den Hof. Erst dort roch ich den Gestank. Eine Hand war ganz beschmiert, und ich wischte sie am Gras ab. Doch der Gestank ließ nicht nach. Schließlich kam ich ihm auf die Spur. Ich hatte ihn in der Hose. Statt ins Toilettenbecken hatte ich mir durch einen merkwürdigen Zufall in die heruntergelassene Hose gemacht. Das heißt, eigentlich war das gar kein so merkwürdiger Zufall. Mir ging auf einmal ein Licht auf. Zuerst hatten wir gleich, halb und halb, da gesessen. Dann hatte der Cousin mich unmerklich verdrängt, sich ein bißchen weiter geschoben, wobei er unablässig
Witze riß; wer weiß, ob er nicht sogar sein Talent für Blödeleien noch ausbaute. Es rann mir die Beine entlang, als ich in Windeseile nach Hause stürmte. (Dieser mein Cousin ist Feuerwehrmann geworden.)

* * *

Oma kaufte als erste einen Fernseher, folglich waren die Ferien bei ihr voller Eindrücke. Eines Abends wurde es spät mit dem Film, die Großeltern waren schon müde. Sie wollten, daß auch ich mich schlafen legte, doch etwas in mir sträubte sich dagegen. Das Bett der Großeltern befand sich in dem Zimmer mit dem Fernseher, deshalb hieß man mich leise sein. Eine Weile guckten sie mit mir vom Bett aus, doch bald darauf fingen sie an zu schnarchen.

Ich kroch unter den Tisch, drehte noch leiser, um sie auf ja keinen Fall aufzuwecken, und sah mir, bebend, irgendeinen tschechischen Film an. Die Frauen trugen da Miniröcke, und alles drehte sich eigenartigerweise um Bettgeschichten. Und beinah, beinah hätte ich Titten zu sehen gekriegt. Beinah hätte ich alles zu sehen gekriegt. Der Film triefte vor Sex, es ging um irgendwelche Tabletten zur Potenzsteigerung oder zur Zeugung von Fünflingen. Für mich ohne Bedeutung. Ich saß unterm Tisch bedrängt von einer Erektion wie eine Mohrrübe, und glücklich, und voller Furcht, die Großeltern könnten aufwachen.

Leider wußte ich damals noch nicht, daß man onanieren kann. (Das entdeckte ich erst in der folgenden Nacht.)


* * *

Die ganze Grundschulzeit hindurch hatte ich eine Erektion. Während sämtlicher Unterrichtstunden hielt ich den Ranzen auf den Knien, und als einmal der Lehrer, bei der Klassenarbeit, verlangte, ich sollte die Tasche auf den Boden neben den Stuhl stellen, weigerte ich mich. Ich bekam im voraus eine Vier, doch das war mir allemal lieber, als wenn man meine stramme Hose bemerkt hätte. (Durch die Schule lief Mieciu, der leicht schwachsinnige Sohn den Schuldienerin, er hatte häufig eine gigantische Erektion, und wenn er der Aufsicht seiner Mutter entschlüpfte, kam er mit aufgerichtetem Mast in der lockeren Hose daher. Wir feixten in einem fort über ihn, alle.) In die Pause hinaus stürmte ich wie ein Besessener und drückte mich in den verschiedenen Korridoren herum (in den Augen der Lehrer war ich unten durch), solange meine Latte nicht schlaff geworden war. Ich zog mit Vorliebe knallenge Hosen an, daher hielt ich meinen ungebärdigen Schwanz mit Ach und Krach an der Kandare, doch was man sah, sah man.

Außerhalb der Schule, nach dem Unterricht hatte ich diese Sorgen nicht. Außerhalb der Schule nahmen mich andere Sorgen in Anspruch. (Und heute sucht mich eine gewaltige Erektion heim, wenn ich schreibe. Wenn ich kreativ bin. Wenn ich an einem sexuell völlig irrelevanten Text arbeite. Es stört mich nicht, obwohl ich manchmal ehrlich verblüfft bin. Und fühle mich dann wie ein literaturschaffender Pavian.)

* * *

Mein Onkel hatte eine schöne Geliebte. Ganz weiß, mit weißen Haaren und Zähnen. Sie trug hellblaue, dünne, durchsichtige Hemden mit weißen Falbeln, jeder von uns hätte gern so eine Geliebte gehabt. Doch dieser Onkel schloß sich ganze Nachmittage mit ihr ein. Und zwar so hermetisch, daß wir ihn nie heimlich beobachten konnten.

Endlich hatte einer der Cousine einen Einfall, wie man den Onkel ärgern konnte, der, wie man sich erzählte, Wunderdinge mit seiner Geliebten anstellte. Und wie man sie ärgern konnte dafür, daß sie nicht uns mit ihren Reizen bedachte. Der andere Cousin akzeptierte den Einfall als erster. Ich stimmte ebenfalls zu.

Das dünne Röhrchen aus Vinyl, das den Cousin inspiriert hatte, war schon da. Man beschloß ein Loch zu bohren, doch schon das bereitete ziemliche Ungelegenheiten. Keiner von uns hatte einen Bohrer. Wir kamen mit dem Problem einfach nicht zu Rande, und der Ideengebercousin fiel in Verzweiflung. Seine Laune war dahin. Die Ferien gingen langsam zu Ende… Da kaufte er für all seine Ersparnisse auf dem Basar eine Handbohrmaschine und zwei Bohrer. Was sich als klug erwies, denn einer war nach wenigen Minuten hin.

Wir maßen präzise die Stelle aus, um uns unter Onkels Bett zu bohren, und dicht beim Fußboden (um es leichter vor den Alten zu tarnen) stießen wir durch die Wand. Anderntags aßen wir von morgens an Erbsen und Bohnen. Nachmittags, als sich Onkel mit seiner Geliebten einschloß, waren wir bereit. Wir setzten abwechselnd das Vinylpusterohr an und furzten all unsern Groll dem Onkel unters Bett.
Ich bin sicher, daß wir ihnen die Idylle versaut haben. Anders hätten sie Nasen aus Stein haben müssen. (Gegen Abend bekamen wir Bauchschmerzen, und Onkel, der zu einem Schwätzchen gekommen war, musterte uns wirklich mißtrauisch.)

* * *

Bei Oma im Fernsehen sah ich ein filmisches Streiflicht aus einem anderen Land. Eine Stimme sagte leidenschaftslos, daß der Bürgerkrieg dort und dort andauere. Und auf dem Bildschirm, vor einem Ruinenhintergrund, kniete ein Mann mit Baskenmütze und zielte aus einem langen Karabiner. Paff… weißer Rauch zeigte sich während des lautlosen Schusses.

Ach du meine Güte, was für eine Übertreibung, dachte ich damals. Überall streiten sich schließlich die Bürger, manchmal hauen sie sich sogar, aber gleich mit einem Gewehr… Und sich so zanken, daß ein Haus kaputt geht? (Heute weiß ich längst, daß so etwas möglich ist.)

* * *

Ich stürmte von der Straße herein, um mit einem neuen Witz anzugeben,
"Weiß du, was CCCP [russ. f. UdSSR - d.Übers.] bedeutet Mami?"
"Wie meinst du das: bedeutet?"
"Na, das bedeutet: Cep cepa cepem pogania - ein Flegel von einem Flegel mit einem Flegel getrieben."
Und Mutter grinst, doch gleich darauf (als hätte man sie geohrfeigt) wird sie ernst:
"Daß du mir das ja nicht weitererzählst. Denk dran."
Und für alle Fälle schnappt sie mich beim Arm und verabreicht mir zwei ordentliche Klapse auf den Po. (Ich ging ganz verheult wieder auf die Straße. Keiner hat mir erklären können, warum ich was abgekriegt habe.)

* * *

Eine Spielkameradin ruft mich hinter die Müllbehälter. Dort sitzt sich’s am besten.
"Guck mal, die Uhr", sie hält mir das bloße Handgelenk der Linken hin. Darauf legt sie so was wie einen dünnen Strich, der halb einknickt und dann wieder gerade ist.
"Siehst du? Sie geht. Sie tickt."
Der Strich ähnelte tatsächlich den Zeigern einer Uhr, er war allerdings zu nervös, nach einer Weile fiel er herunter.
"Man muß eine Spinne fangen und ihr ein Bein ausreißen", weihte mich mein Kumpel ein. (Ich verabscheute jedoch Spinnenjagden.)

* * *

Das Foto einer nackten Frau. Sie steht mit hochgehobenem Kleid da. Man kann deutlich erkennen, daß sie das Kleid nur für den Moment, für dieses Foto hochgehoben hat. Sie hat sich überreden lassen. Ein geheimnisvolles Lächeln. Riesige Brüste. Eine bildschöne Figur. Die Beine geschlossen und ein ideales Dreieck schwarzer Haare. Das Foto leicht verschwommen. Ich starrte darauf wie benommen, ohne recht zu wissen, was es so erotisch machte. Aber dieses Erotische fühlte ich im Mund.

Jede Menge Spucke. Und ich mußte schnell atmen, so beklommen war mir. Dann begriff ich, daß es das bis zum Kinn hochgehobene Kleid war. Dieser Augenblick, dieser Wunsch, sich einen Moment lang zu zeigen, und dieses kurze Sich-zeigen machten das Erotische aus.
Ich hatte nicht den Mut, das Foto an mich zu nehmen. Am nächsten Tag war es nicht mehr da. (Ich bedauere es bis heute.)

* * *

Heinie vom anderen Hof hatte Kummer.
"Auf allen Aufnahmen, wenn er ihnen steht, dann so", er machte eine Handbewegung nach oben. "Und bei mir - nach unten."
"Wie, nach unten?" wunderte ich mich. Dabei hätte ich fragen sollen: Wie, nach oben? Ich hatte ihn auch nach unten. Das kam mir nicht ganz natürlich vor, vielleicht wäre es natürlicher gewesen, wenn ich ihn, sagen wir mal, gerade gehabt hätte. Ich weiß nicht, ich habe nicht gründlich genug darüber nachgedacht, mir schien es das Vernünftigste, abzuwarten, wie sich das in der Praxis bewähren würde, von der ich eine nebelhafte Vorstellung hatte - wie sich dann später herausstellte, nicht nur nebel-, sondern auch fehlerhaft… aber nach oben? Mir kam das blöd vor. Ich würde erst anfangen mich zu sorgen, wenn ich wirklich nach oben hätte.

"Na", Heniek wirkte betreten, vielleicht schämte er sich (vielleicht bedauerte er es schon, damit herausgeplatzt zu sein: Bei mir ist es so, und daß er mit dem Zeigefinger leicht nach unten gedeutet hatte).
Ich weiß nicht, was mich dazu aufstachelte (manchmal erwacht in mir der Wüterich). Ohne zu überlegen, brachte ich meinen Zeigefinger in die umgekehrte Position, indem ich ihn dreist auf Henios Nase zu bog.
"Und bei mir ist er so."
Doch tief in mir drinnen rumorte die Sorge.
Schließlich war es bei mir nicht anders als bei Heniek.
"Ja, bei dir", sagte Heniek tiefbetrübt, als ich zwei Tage später beim Messerwerfen gegen ihn gewann. "Und bei mir ist er so", und er drehte die Hand so, daß der Finger in den Sand zeigte. (Leider ist es bis heute bei mir dasselbe).

* * *

Man mußte einen Faden nehmen (derjenige gewann, der sich für einen längeren entschied - aber das war ein Ehrengewinn), ihn an einem Ende mit zwei Fingern festhalten, das andere Ende im Mund zu einem Kügelchen zusammenrollen und dann runterschlucken. Nach dem Runterschlucken mußte den Interessierten der Rachen gezeigt werden, damit sie sich davon überzeugen konnten, daß der Faden wirklich in der Kehle verschwunden war, und schon konnte man ihn langsam wieder herausziehen. Das kitzelte so komisch innen drin. Manchmal hätte man sich am liebsten gekratzt. Je länger der Faden, um so mehr kribbelte es.

Ich mochte das nicht, aber einer meiner Kumpane war einfach verrückt danach. (Er verfiel auf eine teuflische Idee: Er schluckte den Faden, band das Ende an einen Zahn und so lief er herum und ließ sich bewundern).

* * *

Ich habe nie mit dem Handtuch schießen können. Im Ferienlager, am ersten Tag, wurde ich von wackeren Altersgenossen angegriffen, als ich aus dem Waschraum kam. Ratsch, klatsch, bumm - blitzschnelle Schüsse von beiden Seiten und von vorn. Alle drei Handtücher schossen professionell, laut und schmerzhaft rollten sie ihr äußerste Ende auf, explodierten in meinem Gesicht.

Ich war wie benebelt. Danach übte ich den ganzen Turnus über mit dem Handtuch zu schießen, aber es klappte bei mir nie. (Vielleicht war das ja der Grund, daß ich zum Abschluß ein Buch mit Verslein bekam, für gutes Betragen. Aber ich machte mir leider nichts aus Versen. Und die Abneigung ist mir bis heute geblieben.)
Es packte mich während eines feuchtfröhlichen Abends bei völlig fremden Leuten. Ich benetzte mir gerade das Gesicht über dem Waschbecken, als die Tür aufging und ein genau wie ich angesäuselter stämmiger Typ mit schlauem Blick hereinkam, der ausgerechnet mich ins Herz geschlossen und mir andauernd zugeprostet hatte.
"Bist du mal in einem Ferienlager gewesen?" fragte ich unversehens (wir hatten gerade erst Brüderschaft getrunken).
"Klar."
"Und hast du irgendwann mal mit dem Handtuch geschossen?"
"Aber sicher", und er griff sich das erste beste.
Ohne lange zu überlegen, schnappte ich mir auch eins. Ich sprang auf die erforderliche Distanz zurück und schoß in wunderbar fließender Bewegung. Ich sah es wie in Zeitlupe.
Das Handtuch vollführte eine komplizierte Figur. Es straffte sich, ringelte sich zusammen, führte eine halbe Drehung aus, entfaltete sich vor meinen Augen wie ein Fächer, und unerwartet machte es einen Satz nach vorn - wie ein Panther. Ich zog am Schwanz, und das Handtuch stieß seine Feuerzunge aus mit einem kleinen explodierenden Pips an der Spitze. Direkt ins verdutzte Auge von dem Kerl.
Ich war schneller, das ließ sich nicht leugnen, und Stolz sprengte mir die Brust.
Der andere fing an zu schreien, eigentlich brüllte er wie ein verwundeter Bär (oder irgendein anderes Urvieh).
"Hat mir das Auge ausgeschlagen, dieser Mistkerl, ich kriege dich, das Auge, mein Auge…"
Ich hatte Glück: Sein Augenlid konnte schneller denken als er. (Später erfuhr ich, daß er bei der Miliz war. Einer von denen in Zivil. Und ein paar Jahre lang hatte ich Angst.)

* * *

Es fuhren im Zug ein Pole, ein Russe, ein Kubaner. (Ich habe nie Witze erzählen können, hauptsächlich deswegen, weil ich immer so schnell wie möglich die Pointe erreichen wollte; ich dachte, ich langweile jeden, also gab ich eher den Inhalt des Witzes wieder, als daß ich ihn erzählte, unter solchen Bedingungen konnte eine richtige Pointe gar nicht zustande kommen.) Das Abteil betrat eine Frau in einem weiß-roten Badeanzug. Folglich stand der Pole auf und salutierte. "Warum salutieren Sie?" fragte die Frau. "Weil mich ihr Aufzug an unsere Nationalflagge erinnert." Deshalb zog die Frau den weißen Büstenhalter aus. Da stand der Russe auf und salutierte. "Warum?" fragte die Frau. "Weil mich das an unsere Nationalflagge erinnert." Deshalb zog die Frau das rote Höschen aus. Da stand der Kubaner auf und salutierte.
"Warum?" fragte Veronika, als ich ihr diesen ungewöhnlich dummen (kindisch dummen) Witz erzählte.
Also sagt der Kubaner: "Weil mich das an Fidel Castros Bart erinnert." (In der Grundschule habe ich noch blödere Sachen gehört - glaubt ja nicht, daß ich sie hier anführen werde.)

* * *

Zu dumm. Ich konnte nicht pissen. Ich hatte innen drin einen feinen glühenden Draht. Mir kam es vor, als tröpfelte es pausenlos aus mir heraus, meine Blase schwoll wie ein Ballon, und ich quälte mich tröpfchenweise ab. Mir kamen leichter die Tränen als ein Tropfen Urin.
Ich war überzeugt, daß das dem billigen, sauren, scheußlichen Wein zuzuschreiben war, zu dem ich mich hatte breitschlagen lassen, und in dem es von Schwefel und anderen Chemikalien geradezu wimmelte. Ich hielt zwei Tage aus, schließlich ging ich zum Arzt. Gedemütigt.
Ich saß im Wartezimmer, wartete, bis ich an die Reihe kam, und ich wußte wohl, daß ich dem Arzt (ich hatte nichts von einem Draufgänger und mir keine Ärztin ausgesucht) würde zeigen müssen, wie dieser mein unglückseliger Schwanz aussah. (Von außen war nichts zu sehen, aber bestimmt würde er ihn sich ansehen wollen.) Gepeinigt saß ich da, die Jacke über den Schoß gelegt, weil, wie dermaleinst in der Grundschule, die wackere Erektion nicht abklingen wollte.

Ich versuchte hin und her zu laufen, doch das brachte gar nichts. Ich konnte mich nach Hause flüchten, doch andererseits, was würde das bringen? Ich machte mich auf Demütigendes gefaßt. Irgendein dämlicher Kommentar seitens des Arztes. Ich wartete so mit dieser Erektion anderthalb Stunden. Als ich ins Sprechzimmer gerufen wurde, verschwand die Erektion. Ich erhob mich von meinem Platz, und in der Hose Salto rückwärts und Stille.

Der Arzt fing natürlich sofort mit der Zeigerei an. Ich wurde abwechselnd rot und blaß, während ich erst nach längerem Suchen im Haargewirr das verschrumpelte Häutchen ausfindig machte. (Ich bin mir nicht sicher, aber bei dem Anblick hat der Doktor wohl spöttisch gegrinst).

* * *

Ich schwamm in einem unermeßlichen Raum. (Jetzt nenne ich das einen "unermeßlichen Raum", weil ich einfach keine andere Bezeichnung für jene Welt habe. Ich hatte einen ungewöhnlich langen Weg vor mir, doch mich erschreckte nichts. Ich wußte, ich würde aushalten. Ich war stark, furchtlos. Und ich erinnere mich, daß alles ungewöhnlich lange dauerte. Andere zogen sich zurück, einige ließen sich vernünftigerweise abseits nieder, und ein paar starben bei dem Galopp. Ich hatte noch immer Kräfte, bisweilen kam es mir vor, als hätte ich davon mehr und mehr. Mir war von Anfang an klar; der Erwählte bin ich!

Und endlich die letzte Etappe. Jetzt waren wir nur noch zwei. Ich werfe einen Blick auf den, der unermüdlich hinter mir her trabt. Auch er hat verdient zu gewinnen. Ich sehe ihm an, daß er sich als Auserwählter fühlt. Und plötzlich geht mir mit aller Macht auf, daß ich mir nichts so sehr wünsche wie einen Bruder. Wir beide zusammen, das wäre großartig. Wir bräuchten nur gemeinsam ins Ei zu hüpfen. Platz findet sich dort auch für zwei. Und dann würde uns nichts mehr trennen.

Kurz vor dem Einstieg drehte ich mich um und streckte die Hand aus. Der andere war sichtlich in schlechterer Verfassung. Er konnte kaum noch japsen. Er schaffte es dennoch, sich in meine Kehle zu krallen. Ehe ich mich versah, hatte er mich umgerissen und trommelte blindwütig auf mir herum. Er war rasend. Er wußte, daß er schwach war und daß er sich nicht einen Augenblick der Besinnung erlauben durfte. Er belegte mich jetzt mit Bedacht. Seine Schläge wurden immer kräftiger. Nein, ich war es, der an Kraft verlor. Mir blieb keine Zeit mehr. Ich stieß ihn zurück, so daß er in hilfloses Taumeln geriet.

Ich sprang hinein ins Ei und schlug die Klappe hinter mir zu. Durch das glänzende Bullauge sah ich, wie er sich anstrengte, wie er den Einstieg zu öffnen versuchte. Er preßte sich mit seinem ganzen Selbst dagegen, als wollte er so ins Innere gelangen. Plötzlich stürzte er, fing an zu zittern. Sein Körper bekam Risse, schrumpfte. Er versuchte noch, auf die Beine zu kommen, aber schon saugte ihn eine innere rätselhafte Kraft ein. Er krampfte sich zusammen, von einem unsichtbaren Feuer versengt. Er schrumpelte, wurde zusehens winziger. Im letzten Augenblick, bevor er zu Staub zerfiel, blickte er noch in meine Richtung.

Ich flog bereits in der Eierkapsel davon. Aus der Höhe gewahrte ich, wie die Asche, die von meinem nicht zustande gekommenen Bruder übrig geblieben war, von heißem Plasma überschwemmt wurde. Mir war traurig zumute.
Seit jenem Augenblick ist mir traurig zumute. (Ich kam mit einem Schuldgefühl zur Welt.)

* * *

Irgendwie gelang es mir, glücklich durch die Untiefen meines jungen Lebens zu waten. Mir stieß nichts Schlimmes zu. Keinen Sittenstrolch als Onkel, keine vom Teufel besessene Tante, es ging ohne Verbrechen, Perversion und größere Familientragödien ab. (Was übrigens ist Familie…) Wenn da etwas war, war es klein, x-beliebig, eher alltäglich, gewöhnlich, ich würde sagen - banal. Nichts deutete darauf hin, daß ich Schriftsteller werden würde.

Nur einmal bin ich einem perversen Menschen begegnet. Erst später wurde ich mir dessen bewußt. Er behelligte mich, als ich auf dem Heimweg von der Schule war - ein gedrungener Mann mit beginnender Glatze und Glotzaugen. Er wollte wissen, wo man sich in aller Ruhe Bilder mit nackten Weibern ansehen konnte. Er zeigte mit einen ganzen Stoß. "So’ne Titten", sagte er, "da geht mir gleich der Kolben, komm, wir sehen sie uns zusammen an." Und er steckte die Bilder rasch ein, damit ich nicht zuviel zu sehen bekam. Ich brachte ihn zu dem Tor, wo man, wie ich glaubte, oben in aller Ruhe angucken konnte, was immer das Herz begehrte. "Aber komm mit, komm", er zog mich am Hosenbein. Und ich, mit einem dicken Brett vorm Kopf, wäre gegangen, zum Teil aus Höflichkeit, zum Teil aus Neugier auf die Riesentitten, aber ich bin nicht gegangen. Mir gefiel nicht, daß er "Kolben" sagte. Und daß er gesagt hatte: "da geht mir gleich der Kolben". Das war so… wenig fein, weshalb ich zu dem Schluß kam, diese Bekanntschaft besser nicht aufrechtzuerhalten.

"Ich gehe nach Hause", erklärte ich mit Entschiedenheit, riß mich los und machte mich davon. (Tagelang war ich davon überzeugt, daß er nach oben gegangen war und sich dort die Bilder angesehen hatte. Erst später kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Erleuchtung über mich.)

* * *

Zum Wettpinkeln ließ ich mich nicht überreden. Auf solcherart Vertraulichkeit mit irgendwem ließ ich mich nicht ein. Blöde, schweinische Witze erzählen - das schon. Aber weiter nichts. Ich kam übrigens gleich auf die Idee, daß das irgendein Komplott ist. Wahrscheinlich wollte man mich auf irgendeine Weise kompromittieren. Vielleicht auslachen. Vielleicht demütigen. Ich weiß nicht, weshalb, doch ich war von Anfang an dieser Überzeugung.

(Nichtsdestotrotz probierte ich noch am selben Tag meine Kräfte aus. Mit miserablem Erfolg. Ich bespritzte mir die Schuhe.)

* * *

Mein Vater zog, soweit ich mich erinnern kann, nach der Arbeit immer gleich den Schlafanzug an und legte sich ins Bett. Er stand erst früh wieder auf, um zur Arbeit zu gehen. Sonntags erhob er sich überhaupt nicht. Im Bett las er Zeitung, aß, machte ein Nickerchen oder lag einfach nur da und starrte an die Decke. Er hörte Radio. Häufig hatte er jedoch keine Lust, am Knopf zu drehen, um den Sender besser einzustellen, dann mußte ich ihm die Arbeit abnehmen.

Mutter war von morgens bis abends beschäftigt. Nie hörte ich sie dem Vater wegen seiner Liegerei Vorwürfe machen.
Ich dachte so bei mir, daß ich gern so wie er mein ganzes Leben im Liegen zubringen würde, ohne auch nur den Mund auftun zu müssen. Bis heute beneide ich meinen Vater. Leider erfüllt mich seine Haltung gleichzeitig mit echtem Abscheu. Und während ich neidisch auf ihn war, schwor ich mir insgeheim, daß ich anders sein würde. (Bis auf den heutigen Tag werfe ich mir eine zu große Vorliebe für das Faulenzen vor. Auf jeden Fall habe ich mich besser als Vater eingerichtet: Ich muß nicht aufstehen, um arbeiten zu gehen. Und ich stehe nicht auf bis ich alles aus mir herausgeschlafen habe.)

* * *

Nichts macht mich wahnsinniger als die lässig hingeworfene, zweifellos ehrlich gemeinte, freundsachaftliche, aus sogenanntem wohlwollendem Interesse resultierende Frage: "Na, was Neues in Arbeit?"
Dieses "in Arbeit" ist hier ein Nasenstüber. Und "was Neues" mehr oder weniger ein Tritt in den Hintern.
Vaters Bruder Kazik kam uns besuchen, und beim Tee erkündigte er sich mit aufrichtigem Interesse:
"Na, was Neues in Arbeit?"
Nie hat er irgend etwas von mir gelesen, nie sich für etwas "Altes" interessiert, das schon "aus der Arbeit" entlassen worden war, nur nach Neuem fragt er, fragt mit wohlwollendem Interesse was in Arbeit ist, statt zu fragen: "Was schreibst du gerade?"
"Ach", sage ich und spüre bereits, daß meine Antwort nichts taugt, daß ich ihn, ohne es zu wollen, mit Geringschätzung behandele, und dabei - wer bin ich schon, als daß ich wen auch immer mit Geringschätzung behandeln dürfte, "irgend so was", sage ich, denn was kann man sonst sagen, und außerdem, was weiß er schon von Literatur, was kann ich ihm berichten, das er begreifen würde, nicht eingedenk der Tatsache, daß ich nie in der Lage war, meine Arbeiten zu resümieren (ich war nicht in der Lage, weil sie sich nicht resümieren ließen, ganz einfach) - "da gibt’s immer was zum Schreiben" -, gerate ich unnötigerweise weiter in den Schlamassel hinein. Obwohl ich die Züge jenes anderen bereits starr werden sehe - "schließlich passiert so viel", sage ich, so oder anders, alles in allem ist längst nicht mehr wichtig, was ich sage. Mehr oder weniger an dieser Stelle weicht das anfänglich wohlwollende Interesse verschiedenen Spielarten der Abgeneigtheit, die von komischfindend über hohnähnlich bis zu nachgerade feindselig reicht (warum? - ich versuche noch immer eine Antwort auf diese Frage zu finden).

"Was kannst du schon schreiben, Scheißkerl", höre ich, obwohl es für gewöhnlich anders ausgedrückt wird, zartfühlender oder auch ganz unausgesprochen bleibt. "Was weißt du schon, um was auch immer zu schreiben."
"Ich war in der Heimatarmee", sagt der eine oder der andere. "Ich bin durch die Hölle gegangen. Du wirst ja wohl wissen, was man mit denen von der Heimatarmee in diesem Land gemacht hat. Ach, woher willst du das schon wissen? Was weißt du überhaupt? Worüber kannst du schon in diesen Büchern schreiben."
(Ich bin tatsächlich nie in der Heimatarmee gewesen.)

* * *

Mir hat Liebe gefehlt. Seit ich mich erinnern kann. Ich habe mich einsam und überflüssig gefühlt. Und ich habe mich wahnsinnig in unzählige Frauen verliebt. Von der Lehrerin in der ersten Grundschulklasse (für diese Lehrerin stand ich manchmal den halben Tag lang vor der Schule, bloß um ihr Guten Tag! zu sagen, ihretwegen rannte ich während der Pausen Wahnsinnsdistanzen rund um den Sportplatz, damit sie meine Vitalität und Männlichkeit richtig einschätzen konnte) bis zur jüngeren Schwester meines mir gleichaltrigen Kameraden Wiesiek, der fast so etwas wie ein Freund war, und mit dem ich die ganze Grundschulzeit in einer Bank verbrachte (ich wartete im Tor auf sie nicht selten bis zum Abend, nur um sie zu sehen, und manchmal, um so zu tun, als käme ich gerade vorbei - ich schrieb für sie Geschichten, und das Kind, was bewundernswert ist, las eisern meine Werke) - erst heute weiß ich, daß ich es umgekehrt hätte machen sollen: für die Lehrerin schreiben, und vor der minderjährigen Schwester Purzelbäume machen. Das hätte vielleicht etwas gebracht, oder auch nicht. Außerdem lief ich einer Menge anderer Frauen, junger Mädchen und kleiner Mädchen nach, lauerte ihnen auf, stellte mich ihnen in den Weg, versuchte, sie in gleich orgineller Weise zu verführen.
Ich darf mit reinem Gewissen sagen, daß ich mich nie einer Vertreterin des anderen Geschlechts gegenüber unelegant verhalten habe. Man weiß nicht, dachte ich bei mir, welche wann meine Frau wird. Ich werde mir doch jetzt nicht den guten Ruf verderben, dachte ich.

(Im Endeffekt, wie sich leicht denken läßt, erfreute ich mich keines solchen Erfolgs wie die zügellosen, vulgären Kumpel. Das heißt - ich erfreute mich keines Erfolgs.)

* * *

Jahrelang fürchtete ich mich vor dem Tod. Einmal kam die Nachbarin, die Gesprächsfetzen mitangehört hatte über einen, der gestorben war. Wie er geheult hat und geheult, und dann die Mutter oder auch Ehefrau oder den Vater, vielleicht auch den Sohn, irgendeinen Angehörigen auf jeden Fall: "Mach ein Ende!" angefleht hat, "mach ein Ende!" In der Ecke stand eine Axt, und alle weinen nur immerzu, und der Mann winselt: "Mach ein Ende." Dieser Satz verfolgte mich später, und bis heute verbinde ich ihn automatisch mit dem Sterben. Ich fürchtete mich vor dem Sterben, das so schrecklich weh tat. Fürchtete mich auch davor, daß keiner helfen könnte oder wollte. Zudem fürchtete ich, daß wenn schon wer helfen sollte, dann nur mit der Axt. Und der Tod durch eine Axt, das heißt das Zerhacken eines Menschen, das überschritt überhaupt das menschliche Vorstellungsvermögen. Entsetzen schnürte mir bei Tag und Nacht die Kehle zu. So also sieht sterben aus! Mach ein Ende! Nicht einmal: Hilf! Nichts irgendsonst, bloß - mach ein Ende. Mit einer Axt.

Schließlich kam ich zu dem Ergebnis, daß es das beste wäre, eine Giftpille in der Tasche zu haben. Dann brauchte man nicht zu betteln. Wer würde dir auch schon den Todesstoß versetzen, Mann?! Mach das selber. Wenn’s nottut, brauchst du bloß die Tablette zu schlucken, vielleicht sogar ohne was zum Trinken, und Ruhe ist. Für alle. Die Axt ist etwas für Grobiane und Wilde, und andere schlichte Seelen.
Aber es ist mir nie gelungen, Gift aufzutreiben. (Zum Glück.)

* * *

Eines der sexuell aufregendsten Bücher, die ich in meiner Jugend gelesen habe, war "Tom Sawyers Abenteuer". Interessant nicht? Mich reizte natürlich das Mädchen, in das Tom verliebt war, eine gewisse Becky, wenn ich mich nicht irre. Sie reizte mich aus unbekanntem Grund. Na ja, vielleicht war es deshalb, weil ich damals so eine Becky für mich haben wollte, vor der ich angeben konnte. Ich hatte zwar ein Mädchen und tat für sie, was ich konnte, doch erst jetzt weiß ich, daß sie nichts, komplett und absolut nichts, wirklich rein gar nichts über Sex wußte. Ich muß für sie ein ziemlicher Clown gewesen sein. Ja, ich machte mich lächerlich - doch was kann man schon verlangen von einer kleinen Frau von zehn. Ehrlich gesagt war ich nicht viel älter, ungefähr elf, aber ich wußte schon sehr wohl, was man mit einer Frau, selbst so einer kleinen, anstellte (das heißt, ich wußte es theoretisch und intuitiv, zum Beispiel hätte ich sie gern ausgezogen und auf Händen getragen, ebenfalls ausgezogen.) Später, als ich las, daß Mädchen schneller heranreifen als Jungs, wußte ich längst, daß das Unsinn ist. Und noch später kam mir in den Sinn, daß ich eine Menge von einem Mädchen haben mußte (und daran hat sich nichts geändert), weil mit mir allerlei merkwürdige Geschichten passierten, die nicht zu einem Jungen paßten. Kurz gesagt, ich betete mein Mädchen an, aber ich brauchte eine Frau, deshalb onanierte ich bei der Lektüre von "Tom Sawyers Abenteuern" verbissen, und zwar jedesmal, wenn die herrliche, für mich aufreizende und wahrhaft wollüstige Becky den Schauplatz der Ereignisse betrat. (Nie hat mir später das Onanieren eine solche Freude bereitet.)

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Mit Wiesiek, der mit mir die Schulbank drückte, fuhren wir zur Stadt raus, um eine Zigarette zu rauchen. Endlos gingen wir die leere Autobahn entlang ("die Deutschen haben sie gebaut", sagte Wiesiek, "und wozu?" fragte ich, denn weit und breit war kein einziges Auto zu sehen; "was weiß ich", lautete Wiesieks Antwort, der wie sonst keiner auf der Welt gern den Alleswisser markierte), wir konnten uns schwer entscheiden, wann wir weit genug weg sein würden, also gingen wir weiter immer der Nase nach wie zwei arme Waisenkinder. Schließlich, wir hatten das Eisengeländer hinter uns gelassen, machte ich den Vorschlag, unter die Brücke zu gehen.

"Das ist ein Viadukt", verkündete der Klugscheißer, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. "Das weißt du nicht?" fügte er noch hinzu, herausfordernd ehrlich erstaunt.
Mir fiel ein, daß ich nicht einmal mit Sicherheit wußte, ob er mich verkohlte, folglich fing ich an, mich mit ihm herumzustreiten.
"Brücken sind über Flüssen", erklärte er. "Und über Gleise, das sind Viadukte."
Dort wo wir waren, gab es jedoch keine Gleise, bloß einen gewöhnlichen Sandweg.
"Das ist ein Viadukt", behauptete nichtsdestotrotz Wiesiek hartnäckig.
Wir verließen den Damm und tauchten in die Kühle und in das Halbdunkel des halbrunden Durchgangs unter der Autobahn ein. Ohne auf den beharrlichen Gestank der Kackhaufen zu achten, steckten wir uns eine an. Eine einzige, für uns beide. Rasch wurde mir schlecht und ich verzichtete auf meinen nächsten Zug. Wiesiek rauchte schweigend, mit Ernst und schwer verhohlenem Leiden. Irgendwann hob er die Hand und zeigte, leise kichernd, mit der Zigarette (ganz wie ein Erwachsener - solche Gesten sah ich manchmal auf der Straße, vor einer Bar oder einem Kiosk mit Bier), stach ganz sacht mit dieser zwischen zwei Finger geklemmten Zigarette in die Luft und kicherte.
Erst nach einer Weile begriff ich, daß es ihm um die krakelige Inschrift auf der Wand gegenüber ging: "Agata hat ’ne Muschi wie’n Hut."
Als wir die Autobahn zurück gingen, sahen wir, etwa einen Kilometer von diesem Viadukt entfernt, auf einer Wiese ein mageres Mädchen mit einem Blumenstrauß. Sie sah aus wie ein Stöckchen und lächelte.
"Äh, du bist Agata?" brüllte Wiesiek plötzlich los.
"Ja", schrie das Mädchen unverhofft zurück. "Und was kümmert dich das?"
"Weil du eine Muschi wie ein Hut hast", brüllte Wiesiek hocherfreut. (Erst heute meine ich, daß das ein Kompliment für eine Frau sein kann… aber, mein Gott, das posaunt man doch nicht in die Gegend.)

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In der Kindheit verfolgte mich ein Froschauge. Eines Tages erblickte ich auf der Schuhspitze so ein glasiges Kügelchen mit einem schwarzen Punkt - der Pupille. Das Kügelchen war von Gallertmasse umgeben. Oder Schleim. So was Durchsichtigem, Schlabberigem. Das Kügelchen war in Gallertmasse oder Schleim gebettet und sah mich an. Ich stand wie erstarrt, den Blick unverwandt in das Auge auf meinem Schub gerichtet, und da erblickte mich das pausbackige Mädchen, an dessen Namen ich mich nicht erinnern kann. Ich mochte sie nicht, weil sie gemein war. Die Bengels liebten sie dafür, daß sie sich als Garçonne aufspielte, ich konnte sie deshalb nicht leiden… Einmal fragte sie mich, ob ich eine Zigarre sehen wolle…
"Eine richtige Zigarre", sagte sie. "Komm." Und sie zog mich hinter sich her in einen Keller, wo ein stattliches, abscheuliches, langgezogenes Stück Scheiße lag. Ich war wie gelähmt. Sie aber brach in ein lautes Gelächter aus wie ein besoffener alter Kerl.
Als sie das Kügelchen auf meinem Schuh gewahrte, rannte sie sogleich mit dem Aufschrei: "Oh, ein Froschauge!" herbei.
Ich zuckte die Achseln. "Und wo soll das herkommen?" murmelte ich zögerlich.

Da erklärte sie mir: "Du hast auf einen Frosch getreten, auf seinen Kopf, und ihm das Auge ausgequetscht wie einen Kern, plumps, hast es dir auf den Schuh geschossen, und das war’s."
Gut möglich, daß dies ganz einfach eine winzige Stachelbeere war, sehr gut möglich. Keine Ahnung. Ich rieb mir die Schuhspitze am Gras ab. Das alles vergaß ich gründlich. Ich konnte mich, wie man so sagt, auf den Tod nicht erinnern.
Bis vor kurzem. Da sitze ich im Restaurant, gucke: ein Froschauge auf dem Schuh. Und das sieht mich an. Ich hätte meine Hand dafür ins Feuer legen können, daß es mich sah.

Aus dem Polnischen von Karin Wolff

abitn

Dariusz Bitner - geb. 1954. Schriftsteller und Essayist. Autor von zehn Prosabänden: Bajka (Die Fabel), Warszawa 1979; Ptak (Der Vogel), Kraków 1981; Cyt (Tsch), Kraków 1982; Owszem (Doch), Warszawa 1984; Kfazimodo (Quasimodo) Kraków 1989; Trzy razy (Drei Mal), Warszawa 1995; Bulgulula, Szczecin 1996 und Chcę, żądam, rozkazuję (Ich will, ich verlange, ich befehle), Szczecin 1995. Der letztere Band enthält auch Prosaskizzen und die Titelerzählung, die mit den Konventionen autobiographischer und autothematischer Prosa spielt. Im letzten Buch Pst (Szczecin 1997) sind die wichtigsten Werke Bitners aus der letzten Dekade gesammelt, die eine Trilogie bilden. Bitner ist eng mit der Warschauer Monatszeitschrift "Twórczość" verbunden. Träger des A. Bursa-Literaturpreises. In seinem Wohnort Szczecin leitet er seinen Verlag "Basil".

Die literarische Vierteljahreszeitschrift "FA-art" wurde 1988 von einer Studentengruppe gegründet, die mit dem schlesischen Kreis der pazifistischen Bewegung Wolność i Pokój (Freiheit und Frieden) verbunden war. Anfangs erschien die Zeitschrift im sog. zweiten Umlauf, d.h. außerhalb der Zensur. Ein Jahr später übernahm Cezary Konrad Kęder die Redaktion und die Titelrechte. Er gab der Zeitschrift ihre eindeutig literarische Richtung, auch wenn Literatur schon im ersten Heft ein wichtiges Thema war.
    Der Systemwechsel in Polen, der mit den Wahlen vom 4. Juni 1989 einsetzte, war für das literarische Leben von großer Bedeutung. Die Aufhebung der Zensur, Änderungen der Rechtslage, die Unbeweglichkeit staatlicher Verlage, die auf einmal ihrer Subventionen beraubt waren, der Untergang des Monopolisten im Buchvertrieb, das Ende vieler staatlich subventionierter Zeitschriften - all das förderte die Entstehung neuer literarischer Institutionen. Um so mehr, als es nur wenige der Verlage und Zeitschriften, die mit der Opposition der achtziger Jahre verbunden waren, schafften, sich unter den neuen Bedingungen institutionell anzupassen. Am besten kamen die Neulinge zurecht, die im ganzen Land Zeitschriften ins Leben riefen und dabei häufig von den lokalen Behörden finanziell unterstützt wurden. Eine wichtige Rolle spielte auch die stereotype Erwartung, daß die gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen auch Veränderungen des literarischen und künstlerischen Lebens begünstigen würden. Sowohl die Kritik als auch das Publikum zeigte Interesse an den Debütanten, und suchte bei ihnen den Beleg für die Wende in der Literatur, die wiederum eine Bestätigung für die politische Zäsur sein sollte.
    Die wichtigste Rolle in der jüngsten polnischen Literatur spielten die generationsspezifischen Zeitschriften, die bereits Mitte der achtziger Jahre entstanden waren und schon bald ihr jeweils eigenes Profil entwickelten, auch wenn sie damals noch im zweiten Umlauf erschienen ("bruLion" aus Krakau und - weniger ausgeprägt - "Czas Kultury" aus Posen). "FA-art" war zu diesem Zeitpunkt nur eine von den vielen studentischen Literaturzeitschriften mit einem nicht allzu großen Wirkungskreis. Bis 1992 gelang es, gerade fünf bescheidene Nummern mit literarischen bzw. kritischen Texten herauszugeben. Finanziert wurden sie überwiegend von den Redakteuren selbst. Aber gerade in diesen Jahren bildete sich das Redaktionsteam und das Programm der Zeitschrift heraus. Seit 1992 erscheint "FA-art" nun regelmäßig.
    Das erste Heft, das auf größeres Interesse stieß, war wohl die Doppelnummer 2/3 von 1993 (12/13). Außer Cezary K. Kęder waren damals in der Redaktion: Marcin Herich, Stanisław Mutz und Krzysztof Uniłowski. Zu den engsten Mitarbeitern gehörten Piotr Czakański-Sporek und Dariusz Nowacki. "FA-art" betonte seine Besonderheit durch einen spezifischen Programmcharakter. Sehr schnell wurde bemerkt, daß es unter all den neuen Literaturzeitschriften, die Zeitschrift mit dem deutlichsten und konsequentesten Profil war, und das, obwohl die Redaktion nie ein Programm oder Manifest sensu stricto vorgestellt hat. Das war auch überhaupt nicht nötig! Das "Programm" war ein Ergebnis des Treffens einer Gruppe von Debütanten, die sich hervorragend verstanden. Es verbanden sie Sympathie und Interesse und sie ergänzten sich gegenseitig hervorragend.
    Eine Eigenheit der Zeitschrift war die starke Akzentuierung der Literaturkritik. Das war kein Zufall. Die Verbindungen zur Polonistik an der Schlesischen Universität waren immer sehr stark, wenn auch nie formaler Natur. Während die jungliterarische Kritik (wir nennen sie "jungliterarisch", wobei man unbedingt hinzufügen muß, daß es in den neunziger Jahren in Polen gar keine andere gab) durch eine personenbezogene Einstellung geprägt war, und ihr Diskurs in der Regel einen impressiven und intimen Charakter besaß, schlug "FA-art" die analytische Option vor, indem sie die Tradition des Strukturalismus mit den postmodernistischen Sympathien in Einklang zu bringen suchte. Auch das war etwas Neues. Die Postmoderne wurde in Polen erst in den neunziger Jahren zum Thema. In der Regel jedoch - sagen wir es euphemistisch - war man weder dem Begriff noch der Erscheinung selbst zugeneigt.     In der Symphatie für den Postmodernismus glaubt man gewöhnlich die eigentliche Besonderheit der Zeitschrift zu finden. Man muß klar sagen, daß dies keine zufällige Wahl oder gar Mode war (zur Mode wurde in Polen dagegen die Kritik am Postmodernismus - am häufigsten in feuilletonistischer Manier betrieben). Schlesien war höchstwahrscheinlich die einzige Region in Polen, wo eine Zeitschrift wie "FA-art" entstehen konnte. Schlesien hat selbst keine größeren literarischen Traditionen und bildet - infolge der langjährigen Innenmigrationen - in gesellschaftlich-kultureller Hinsicht einen spezifischen, inkohärenten Wirrwarr, in wirtschaftlicher Hinsicht aber wurde es für die Moderne… zum Denkmal. Schlesien hat auch eine administrative Eigenheit - die Grenzen zwischen den Städten sind gänzlich verwischt, sogar Kattowitz läßt sich schwer als kulturell-wirtschaftliches Zentrum der Region bezeichnen und ließe sich vortrefflich mit der Wurzelstock-Metapher beschreiben. An Paradoxen mangelt es hier nicht: Den heute wirtschaftlich und kulturell integralen Teil von Schlesien bildet das Dąbrowskie-Becken, das einmal zum russischen Teilungsgebiet gehört hat und seine eigene kulturelle Spezifik sowie andere politische Traditionen besitzt. "FA-art" konnte zwischen einer regionalistischen und einer postmodernistischen Option wählen. Es sollte nicht verwundern, daß die Entscheidung intuitiv auf die zweite fiel, da es in der Sprache (im Polnischen oder in der Mundart) nicht einmal ein Wort gibt, mit dem die Identität der Mehrheit der Redaktionsmitglieder bezeichnet werden könnte. Wir sind keine Schlesier, aber wir sind auch keine Zugezogenen, keine "gorole" - wie die Schlesier die zugewanderte Bevölkerung nennen.
    Währenddessen erfreut sich im literarischen Leben Polens der neunziger Jahre aber gerade der Regionalismus einer besonderen Gunst - in der Regel handelt es sich dabei um einen proeuropäischen Regionalismus (dieVision von einem Europa der Heimatländer), der die Vorteile der Vielfältigkeit betont, und den Dialog der Kulturen und lokalen Traditionen befürwortet. Wenn "FA-art" dieser Option in gewissem Sinne polemisch gegenübersteht, dann liegt das am kritischen Verhältnis zum Begriff der Identität, die eine metaphysische Beziehung zwischen dem "Ich" und dem Sein, sowie dem Sein, dem Ort und der Wahrheit herstellt. Daher stehen wir der sog. "Heimatliteratur", die nach Meinung vieler Kritiker die bedeutendste literarische Strömung in der polnischen Literatur der neunziger Jahre darstellt, skeptisch gegenüber.
    Um die Mitte der siebziger Jahre machte sich im polnischen literarischen Leben eine Abkehr von den neuen (neoavangardistischen) Tendenzen bemerkbar. Das Ansehen solcher Dichter wie Czesław Miłosz, Zbigniew Herbert oder Tadeusz Konwicki wuchs auf Kosten der Popularität von Autoren wie z.B. Tadeusz Różewicz. Im Fieber der politisch-kulturellen Debatten der achtziger Jahre wurden Schriftsteller mit innovatorischen Ambitionen ziemlich abwertend als "Soz-Parnassianer" bezeichnet. Niemand stellte ihren künstlerischen oder intellektuellen Rang in Frage, sie wurden jedoch als veraltet verworfen und in die Literaturgeschichtsbücher verbannt. Die Debütanten der neunziger Jahre, die generell das im Jahrzehnt zuvor geltende Verständnis von dem, was Literatur zu leisten habe, ablehnten, suchten ihre Meister und Schutzherren unter den fremden Schriftstellern (wie z.B. Lyriker der New Yorker Schule, vor allem Frank O’Hara). Wir erinnerten in unserer Zeitschrift dagegen an die Leistungen der größten Vertreter der polnischen neoavangardistischen Literatur - an Tymoteusz Karpowicz, Witold Wirpsza, Miron Białoszewski, Teodor Parnicki… Wenn man in der Geschichte der polnischen Literatur weitergeht, stellen sich die meisten meiner Zeitgenossen an die Seite von Bruno Schulz (Renaissance der mythographischen Prosa), wir dagegen - an die Seite von Witold Gombrowicz. Die Literaturkritik nahm die Debüts der siebziger und achtziger Jahre, deren Autoren sich bemühten, avangardistische literarische Strategien zu entwickeln, sehr ungnädig auf. Diese Wertung aus der gar nicht fernen Vergangenheit wurde von unseren Zeitgenossen in der Regel übernommen. Umso mehr, als es dadurch leichter ist, sich selbst als etwas ganz Besonderes darzustellen. Und wieder, "FA-art" erinnert gerne an die damaligen Werke (von denen manche schon postmoderne Züge tragen), ohne den allgemeinen - vorgetäuschten oder echten - Gedächtnisschwund hinsichtlich der jüngsten Literatur zu akzeptieren, und ohne sich mit der großen These von dem "schwarzen Loch in der polnischen Prosa der achtziger Jahre" einverstanden zu erklären.
    Es sollte also nicht verwundern, daß die Zeitschrift - obwohl sie mit ihrer Geschichte selbst zum Phänomen der 60er-Generation gehört - den Leistungen ihrer Altersgenossen gegenüber eine kritische Distanz wahrt. In unseren Spalten haben wir mit der These einer ästhetischen Zäsur des Jahres 1989 polemisiert. Genauso stellten wir auch die Überzeugung in Frage, die "Jungen" unterschieden sich von ihren Vorgängern, indem sie neue Qualitäten anbieten oder neue literarische Erscheinungen anregen würden.
    Es war das große Glück von "FA-art", daß sich unter den Redakteuren und Mitarbeitern der Zeitschrift auch ein paar begabte Kritiker befanden. Sie wußten die neuen methodologischen Impulse zu nutzen, und für einen erkennbar eigenen Stil und unabhängige Urteile in ihren Texten zu sorgen. Parallel zum Auftritt der Debütanten in den neunziger Jahren gab es glücklicherweise eine interessante Bewegung in der Literaturkritik. "FA-art" spielte dabei eine beachtliche Rolle und zog im Laufe der Zeit auch Autoren an sich, die sonst mit anderen Titeln und anderen Kreisen verbunden waren; und zwar sowohl Kritiker als auch Lyriker oder Prosaiker.
    Die vorliegende Ausgabe unserer Vierteljahreszeitschrift bringt eine Auswahl der literarischen und literaturkritischen Texte, die zum großen Teil schon einmal bei uns publiziert wurden. Einer möglichst großen Verständlichkeit zuliebe, haben wir sie z.T. etwas gekürzt. "FA-art" hat den Ruf, eine ehrgeizige und schwierige Zeitschrift zu sein. 1996 verglich Arkadiusz Bagłajewski, Chefredakteur der Lubliner Vierteljahreszeitschrift "Kresy", unsere Zeitschrift mit der angesehenen, literaturwissenschaftlichen Fachzeitschrift "Teksty Drugie", die vom Institut für Literaturwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird. Nun, wenn in dem Vergleich ein bißchen Wahrheit steckt, ist das für uns ein Kompliment. Man muß auch gleich hinzufügen, daß ein Vergleich mit den "jungliterarischen" Zeitschriften, die dem Ethos und der Poetik der art-zin entstammen, ebenfalls möglich wäre. Allem Anschein zum Trotz kann man - so hoffen wir - das Akademische mit der Gegenkultur verbinden. In Zeiten der Massenkultur ist so eine Verbindung vielleicht sogar ganz natürlich.
    Ist "FA-art" eine schwierige Zeitschrift? Nein, wir betreiben keine l’art pour l‘art - das, was Kritiker der Zeitschrift als elitäre Züge einstufen, ist schlicht das Ergebnis einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den besprochenen Problemen und kommentierten Büchern, resultiert aus dem Mißtrauen und Widerwillen gegen triviale, publizistische Vereinfachungen. Dabei vergessen wir nicht, daß die Literatur und das Schreiben über die Literatur auch eine Unterhaltungsfunktion haben.
    Das Heft, das Sie in Händen halten, wurde so vorbereitet, daß es in seinem literarischen und kritischen Charakter, in seiner Redaktion und graphischen Gestaltung das Profil unserer Zeitung widerspiegelt. Zugleich wollten wir die nach unserer Meinung wichtigen literarischen Erscheinungen und Debatten der letzten Jahre vorstellen. Aus diesem Grund drucken wir in einigen Fällen (mit der freundlichen Erlaubnis unserer Freunde und Mitarbeiter) Texte, die zuvor in anderen Zeitschriften erschienen sind.
    Außerdem stellen wir einige Prosatexte in Auszügen vor, die entweder von unserer Zeitschrift veröffentlicht oder dort ausführlich besprochen und empfohlen wurden. Wir hoffen, daß diese Publikation dazu beiträgt, das Bild von der jüngsten polnischen Literatur zu vervollständigen, und es den interessierten Lesern ermöglicht, Einblicke in Charakter und Klima des polnischen literarischen Lebens zu gewinnen.
Czytany 5984 razy Ostatnio zmieniany poniedziałek, 19 październik 2015 00:49

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