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Specjalny numer kwartalnika w języku niemieckim, przygotowany na Targi Książki we Frankfurcie w roku 1998 - pełne wydanie.

środa, 07 październik 1998 20:30

Abweichung

Napisane przez Dariusz Nowacki
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Die Hand darf nicht zittern: Die Prosa von Zbigniew Kruszyński ist eine der interessantesten und wertvollsten Angebote seit mehr als einer Saison! Zuerst das kraft- und ausdrucksvolle Entrée (Schwedenkräuter, gegen Ende 1995), jetzt die zweite, nicht minder attraktive Enthüllung Szkice historyczne. Powieść (Historische Skizzen. Ein Roman), da ist kaum ein Irrtum möglich: Die Phänomenalität Kruszyńskis Erzählkunst sollte mit Glockenläuten begrüßt werden. Mehr noch, diesmal sorge ich mich nicht um Geraune und Atemlosigkeit in Kritikerkreisen; in gerade diesem Fall scheint mir freudige, von (kontrolliertem!) Enthusiasmus hervorgerufene Erregung schlichtweg angemessen.

Die Hand darf nicht zittern: Die Prosa von Zbigniew Kruszyński ist eine der interessantesten und wertvollsten Angebote seit mehr als einer Saison! Zuerst das kraft- und ausdrucksvolle Entrée (Schwedenkräuter, gegen Ende 1995), jetzt die zweite, nicht minder attraktive Enthüllung Szkice historyczne. Powieść (Historische Skizzen. Ein Roman), da ist kaum ein Irrtum möglich: Die Phänomenalität Kruszyńskis Erzählkunst sollte mit Glockenläuten begrüßt werden. Mehr noch, diesmal sorge ich mich nicht um Geraune und Atemlosigkeit in Kritikerkreisen; in gerade diesem Fall scheint mir freudige, von (kontrolliertem!) Enthusiasmus hervorgerufene Erregung schlichtweg angemessen. Schließlich hat sich sogar ein so wählerischer Leser wie Krzysztof Uniłowski zu warmen Empfindungen hinreißen lassen und die Schwedenkräuter in den oberen Regionen höherer Zustände angesiedelt... Die These ist daher die folgende: Kruszyńskis Prosa ist der nächste Schlag ins Gesicht der überheblichen und in ihre kleinen Stars vergafften Dreißigjährigenliteratur, ist der nächste Beweis dafür, daß das Bedeutsamste an Narrativem der neunziger Jahre außerhalb der sogenannten bruLion-Generation vonstatten geht. Daher mein Ruf zu kühnem Glockenschlag.

Übereinstimmend mit der allgemein im Schwange befindlichen, kräftig banalisierten und in großem Umfang kompromittierten Ansicht, erwächst jeder literarische Gegenstand aus einem biographischen Konkretum. Es wird die Meinung vertreten, daß die endgültige Hypothese, die sowohl aus der brachen Reduktion resultiert wie aus ihrer eigenen Notwendigkeit, die Hypothese des Autors ist, und man schwerlich - so richtig - an seinen (des Autors) Erfahrungen, Anschauungen, Neigungen, an seiner Persönlichkeit, und was es da sonst noch gibt, vorbeikommt... Alles in allem schreibt man Bücher mit sich selber, so wird gelegentlich behauptet, und wenn andere Weisen, den Sinn zu Tage zu fördern und Bedeutungen zu adaptieren, enttäuschen, werfen wir einen Blick auf die Geburtsurkunde und in den persönlichen Fragebogen eines Schriftstellers aus Fleisch und Blut. Jene allgemein übliche Anschauung kann man natürlich auch an beide Romane von Kruszyński als Maßstab anlegen. Folglich darf man getrost verkünden, daß der Autor sowohl in seinem Debüt, den Schwedenkräutern, wie auch in den Szkice historyczne die eigene biographische Erfahrung beackert. Auf jeden Fall könnte jenes Konkretum hier eine gewisse Basis sein (obgleich man ehrlicher: Rettungsboot sagen sollte): Kruszyński war (soll gewesen sein? war tatsächlich?) ein Repressionen ausgesetzer Aktivist der Solidarność, ein Konspirator, eine letztendlich zur Emigration gezwungene Person. Aber (und das ist ein Aber in Großbuchstaben) - erstens verweigert der Verfasser der Schwedenkräuter mit Vorbedacht die Auskunft zur eigenen Person (die Umschläge beider Bücher schweigen konsequent in dieser Sache), zweitens, seine Narrationen sind so konstruiert, daß wir geradlinigen Leser vor der Sünde der Naivität behütet werden. Und eben dieses zweite Argument ist das entscheidende, das zugleich die Abwesenheit eines Biogramms erkärt.

So also stützen sich beide bislang publizierten Romane Kruszyńskis auf die gleiche Strategie der Verhehlung und Zerschlagung des (personalen) Erzählzentrums und der Bedeutungsanhäufungen, die um die sprechende Person konstituiert sind, was letztendlich den Eindruck vermittelt, als tauchten die faßbaren Sinnzusammenhänge nur einen Moment lang auf und verschwänden gleich wieder. Uniłowski hat das Phänomen der Aufhebung der Einheitsidee (sowohl der personalen als auch der erzählerischen) sowie der Destruktion des Textzusammenhalts als Methode zur Vermehrung des risomatischen Textes erkannt. Bei diesem Stand der Dinge scheint die Hypothese des Autors ein Ballast zu sein, etwas Unpassendes und im Grunde Unpraktisches, eine Falle für unsere unguten Lesegewohnheiten.

Aber dennoch verpflichtet das im Romantitel enthaltene Adjektiv "historisch" zu etwas. Irgendwie läßt es sich nur schwer in Klammern setzen, ist ein Eindringling. Und zwar deshalb, weil man in den Szkice... eine reichliche Menge an Bruchstücken des Konkretum findet, an zerstückelten und versprengten Daten aus der außertextlichen Realität. Mehr noch - diese semantischen Teilchen kulminieren, unterliegen der Konzentration, ja sogar der Verbindung. Auf ihrer Grundlage ließe sich zum Beispiel etwas wie eine Genertionserfahrungskarte anfertigen oder auch erkennen, um welche Gegenwart in der Historie es geht, das heißt, worauf die "Historizität" des Skizzenhefts beruht. Und obwohl in Kruszyńskis Roman die "Historizität" immer in Opposition zur "Privatsphäre" des Helden steht, lauert hier eine unwiderstehliche Versuchung: dieses Werk als die Beichte eines Kindes des Jahrhunderts zu lesen. Dieser Appetit wird - so steht zu erwarten - vornehmlich denjenigen Lesern zuteil, die jene Bruchstücke aufschnappen und erkennen, vor allem aber sich darin selber, die eigenen Biographien sehen; diese Motive wirken wie Gemeinschaftszeichen (Gemeinsamkeit der Erfahrungen? der Generation? der Zeit?). Hier ein paar Beispiele für solche Signale: "B. erzählte. Sein Papa hatte ein zerlesenes graues Buch. Dziennik [Gombrowiczs], Paris, Erster Band. Er las es von Anfang bis Ende, sie lasen es von Anfang bis Ende. Nach Rückkehr zu R. suchte er den zweiten Band in der Bibliothek. Er war nicht da." (S. 18). Oder: "Sie setzte die Schallplatte in Gang, eine aus Vinyl, es knisterte, als wie man an einem Ärmel reißt - weißt du? - famous blue raincoat. Er wußte. Die Wohnung, die siebziger Jahre. Eine Matratze direkt auf dem Fußboden. Grammophone in Koffern, fertig zur Ausreise. Die Platten so teuer, als hätte man sie gleich aus Gold gepreßt, reiner Spielgewinn" (S. 25). Und noch ein weiteres Beispiel ist der kurze Satz: "F. traf er auf der Konferenz über die Geschichte literarischer Formen im Licht der Entwicklung" (S. 74).

Kruszyński hat in seinem "Skizzenbuch" Dutzende solcher Bruchstücke plaziert. Aus ihnen ist die Historie zusammengesetzt, gebaut. Aber wessen Historie eigentlich? Wirklich die eines typischen polnischen Intellektuellen, der in den Fünfzigern geboren wurde? Im Licht der obengenannten, aufs Geratewohl ausgewählten Zitate - eines von der verbotenen Frucht (Witold Gombrowicz) behexten Intellektuellen, der andächtig der damaligen Kultmusik (Cohen) lauscht, unter der stumpfen Grauheit der Polnischen Volksrepublik leidet und sich schließlich klar darüber wird, daß das Leben woanders (Westen) stattfindet, und auf der Universität und frisch danach die Religion seiner Zeit, den Strukturalismus ("Über die Geschichte der literarischen Form...") praktizierte? Später, natürlich, das Sich-berauschen an der ersten Solidarność, radikale Entschlossenheit und die Naivität des Opositionellen, Internierung, Konspiriererei, schließlich Emigration und dann letzten Ende die Entscheidung, ins nunmehr freie Land zurückzukehren. In dieser Biographie finden auch noch anders geartete Begebnisse Platz; der Held erlebt zahlreiche Mißlichkeiten, keineswegs fremd sind ihm die sogenannten Abstürze des Lebens, in rein privater Hinsicht, Ehekrisen, Abrechnungen und Bilanzen...
Aus der obigen, unbeholfenen (ich schlage mir an die Brust) Wiedergabe könnte fälschlicherweise geschlußfolgert werden, daß da Kruszyński einen Roman geschrieben hat, auf den seit Jahren (eigentlich seit eh und je) die konsumptiv eingestellten Leser warten, die mit einer Ausdauer, die einer besseren Sache wert wäre, nach einem epischen Panorama Ausschau halten, es sozusagen "in Auftrag geben", dem großen Gesellschaftsroman, der endlich sagen würde (auspacken?), wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen und wer uns in Ordnung bringt. Zbigniew Kruszyński hat jedoch diese unmögliche Mission nicht erfüllt, hat nicht bewiesen, was er nicht beweisen konnte, daß das Unmögliche dennoch möglich ist... Die Szkice historyczne lese ich als eine Sache, die u.a. von den Schwierigkeiten, ein episches Panorama zu zeichnen, von der Problematik des Resümierens spricht - mit dem Worten des Buchumschlags: "von unseren Erfahrungen der letzten Jahre".

Die Aufgabe, von der hier die Rede ist, ist aus etlichen Gründen undurchführbar, der wichtigste besteht darin, daß es keine narrative Sprache gibt, aus der man jenes Panorama errichten könnte. Ein kundiger Autor wie Kruszyński weiß darum, mit Sicherheit weiß er Bescheid, worüber er als Romanschriftsteller verfügt. Und er verfügt vor allem über einen imponierenden Stil, eine unheimliche Erfindungskraft auf diesem Gebiet. Für ihn, wie ich annehme, ist das "historische" Skizieren insofern verlockend, als sich die in Schwedenkräuter offen zum Ausdruck gebrachte Strategie wiederbeleben läßt: "Stil, das ist Abweichung." Wie also sollte ein Roman möglich sein, "der unsere Erfahrungen der letzten Jahre resümiert" (das ist die Empfehlung vom Umschlag), sofern sich "unsere" Sprache auf keine Weise in Einklang bringen läßt? Es existiert da nur Kruszyńskis Sprache, die meiner Meinung nach hinreißend ist.

Mit Recht sagt Tadeusz Komendant über den Autor, "er [Kruszyński] betreibe eine Schriftstellerei bereits auf dem Niveau der Phrase. Jedesmal, wenn hier ein Satz beginnt, ist völlig unklar, wie er ausgeht". Selbstverständlich hätte eine solche schriftstellerische Strategie, eben eine solche Textproduktivität nicht viel mehr Sinn, als eine gewöhnliche Schau, ja sogar als Kennzeichen einer überdurchschnittlichen sprachlichen Raffinesse. Meinem Empfinden nach huldigt Kruszyński nicht nur darum dem Grundsatz der "Abweichung", weil auf diese Weise die Autonomie des schriftstellerischen Ich zum Ausdruck kommt (das Bedürfnis nach einem eigenen Idiolekt als conditio sine qua non ambitionierten Textschaffens), sondern vor allem darum, weil er auf genau die Weise auf das zentrale Problem verweist: ohne "Abweichung" keine Erzählung(en). Das nämlich, wovon er berichtet, das heißt letztendlich das, was sich uns als Text der Historie empfiehlt, existiert nur als Sprachabenteuer.

Zwei solcher Beispiele. In Kapitel 4 der Szkice historyczne findet sich eine äußerst erbauliche Schilderung, die wie folgt beginnt: "Zum Jahrestag trommelte man eine Demonstration zusammen, von überallher, allenthalben, so um den Deutschen die Pläne zu durchkreuzen" (S. 31). Die Straßen von Wrocław hatten deutsche Namen bekommen, und die ganze Schilderung tendiert zu grotesker Deformation, in der man u.a. den Widerhall idiotischer Nachkriegsfilme Volkspolens aufspüren kann, ein Romangeschehen, wo sich Schlachtenmalerei mit Reporterbericht mischt und wo sich mühelos das Konkretum tatsächlicher Demonstrationen des Kriegszustandes erkennen läßt. Das zweite Beispiel hingegen ist der Monolog eines widerlichen Typs vom Sicherheitsdienst, der seine Erpressung startet: "Wir können dich fertigmachen. Wir können dein Frauchen und dein liebes kleines Söhnchen fertigmachen" (S. 80). Doch schon bald macht die Widerlichkeit dieser Rede ("Norm", Wahrscheinlichkeit, Zitat aus der Realität) sprachlichen Balanceakten Platz, schaltet sich die "Abweichung" ein: "Wir können deine Geliebten und Cousins fertigmachen, und die Geliebten der Cousins, und die Cousins der Geliebten. Wir können dich absolut zur Sau machen, und zwar ordentlich, hier und jetzt. Wir können dir ein paar reinhauen, hic et in 'en Schwanz" (ebd.). Steckt in einem solchen Verfahren demnach die Lust am Gespött? Handelt es sich um ein Pamphlet gegen die heroischen und ungleichen Scharmützel mit den ZOMO-Leuten im Stile Roman Bratnys giftiger Feder? Soll das Brechen der Charaktere der Verfolgten durch den Sicherheitsdienst weniger schrecklich erscheinen, gleichsam durch Humor pazifiziert?

Natürlich nicht. Kruszyński sucht - wie jeder gediegene Schriftsteller - nach dem sprachlichen Äquivalent für die zutreffendste Beschreibung der Sonderbarkeit des Daseins, der Wiedergabe der Seltsamkeit des in die Historie Involviertseins insbesondere (Solidarność, Kriegszustand, Repression, Konspiriererei, politische Emigration). Und hier bewährt sich die Strategie der "Abweichung" aufs beste, der wahre Geschmack von Zbigniew Kruszyńskis Prosa.

Zbigniew Kruszyński: Szkice historyczne. Powieść (Historische Skizzen. Ein Roman). [Ohne Ort] Wydawnictwo FAUST 1996.

Aus dem Polnischen von Karin Wolff

anowaDariusz Nowacki - geb. 1965. Polonist, Literaturkritiker. Redakteur von "FA-art" und der Zeitschrift "Opcje", wo er die Literaturabteilung leitet. Ständiger Mitarbeiter anderer Literaturzeitschriften ("Twórczość", "Kresy", "Kwartalnik Artystyczny"). Sein Hauptgebiet ist die zeitgenössische polnische Prosa, besonders die der Debütanten; seine Doktorarbeit handelte über das Werk von Jerzy Andrzejewski. Lebt in Sosnowiec.

Die literarische Vierteljahreszeitschrift "FA-art" wurde 1988 von einer Studentengruppe gegründet, die mit dem schlesischen Kreis der pazifistischen Bewegung Wolność i Pokój (Freiheit und Frieden) verbunden war. Anfangs erschien die Zeitschrift im sog. zweiten Umlauf, d.h. außerhalb der Zensur. Ein Jahr später übernahm Cezary Konrad Kęder die Redaktion und die Titelrechte. Er gab der Zeitschrift ihre eindeutig literarische Richtung, auch wenn Literatur schon im ersten Heft ein wichtiges Thema war.
    Der Systemwechsel in Polen, der mit den Wahlen vom 4. Juni 1989 einsetzte, war für das literarische Leben von großer Bedeutung. Die Aufhebung der Zensur, Änderungen der Rechtslage, die Unbeweglichkeit staatlicher Verlage, die auf einmal ihrer Subventionen beraubt waren, der Untergang des Monopolisten im Buchvertrieb, das Ende vieler staatlich subventionierter Zeitschriften - all das förderte die Entstehung neuer literarischer Institutionen. Um so mehr, als es nur wenige der Verlage und Zeitschriften, die mit der Opposition der achtziger Jahre verbunden waren, schafften, sich unter den neuen Bedingungen institutionell anzupassen. Am besten kamen die Neulinge zurecht, die im ganzen Land Zeitschriften ins Leben riefen und dabei häufig von den lokalen Behörden finanziell unterstützt wurden. Eine wichtige Rolle spielte auch die stereotype Erwartung, daß die gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen auch Veränderungen des literarischen und künstlerischen Lebens begünstigen würden. Sowohl die Kritik als auch das Publikum zeigte Interesse an den Debütanten, und suchte bei ihnen den Beleg für die Wende in der Literatur, die wiederum eine Bestätigung für die politische Zäsur sein sollte.
    Die wichtigste Rolle in der jüngsten polnischen Literatur spielten die generationsspezifischen Zeitschriften, die bereits Mitte der achtziger Jahre entstanden waren und schon bald ihr jeweils eigenes Profil entwickelten, auch wenn sie damals noch im zweiten Umlauf erschienen ("bruLion" aus Krakau und - weniger ausgeprägt - "Czas Kultury" aus Posen). "FA-art" war zu diesem Zeitpunkt nur eine von den vielen studentischen Literaturzeitschriften mit einem nicht allzu großen Wirkungskreis. Bis 1992 gelang es, gerade fünf bescheidene Nummern mit literarischen bzw. kritischen Texten herauszugeben. Finanziert wurden sie überwiegend von den Redakteuren selbst. Aber gerade in diesen Jahren bildete sich das Redaktionsteam und das Programm der Zeitschrift heraus. Seit 1992 erscheint "FA-art" nun regelmäßig.
    Das erste Heft, das auf größeres Interesse stieß, war wohl die Doppelnummer 2/3 von 1993 (12/13). Außer Cezary K. Kęder waren damals in der Redaktion: Marcin Herich, Stanisław Mutz und Krzysztof Uniłowski. Zu den engsten Mitarbeitern gehörten Piotr Czakański-Sporek und Dariusz Nowacki. "FA-art" betonte seine Besonderheit durch einen spezifischen Programmcharakter. Sehr schnell wurde bemerkt, daß es unter all den neuen Literaturzeitschriften, die Zeitschrift mit dem deutlichsten und konsequentesten Profil war, und das, obwohl die Redaktion nie ein Programm oder Manifest sensu stricto vorgestellt hat. Das war auch überhaupt nicht nötig! Das "Programm" war ein Ergebnis des Treffens einer Gruppe von Debütanten, die sich hervorragend verstanden. Es verbanden sie Sympathie und Interesse und sie ergänzten sich gegenseitig hervorragend.
    Eine Eigenheit der Zeitschrift war die starke Akzentuierung der Literaturkritik. Das war kein Zufall. Die Verbindungen zur Polonistik an der Schlesischen Universität waren immer sehr stark, wenn auch nie formaler Natur. Während die jungliterarische Kritik (wir nennen sie "jungliterarisch", wobei man unbedingt hinzufügen muß, daß es in den neunziger Jahren in Polen gar keine andere gab) durch eine personenbezogene Einstellung geprägt war, und ihr Diskurs in der Regel einen impressiven und intimen Charakter besaß, schlug "FA-art" die analytische Option vor, indem sie die Tradition des Strukturalismus mit den postmodernistischen Sympathien in Einklang zu bringen suchte. Auch das war etwas Neues. Die Postmoderne wurde in Polen erst in den neunziger Jahren zum Thema. In der Regel jedoch - sagen wir es euphemistisch - war man weder dem Begriff noch der Erscheinung selbst zugeneigt.     In der Symphatie für den Postmodernismus glaubt man gewöhnlich die eigentliche Besonderheit der Zeitschrift zu finden. Man muß klar sagen, daß dies keine zufällige Wahl oder gar Mode war (zur Mode wurde in Polen dagegen die Kritik am Postmodernismus - am häufigsten in feuilletonistischer Manier betrieben). Schlesien war höchstwahrscheinlich die einzige Region in Polen, wo eine Zeitschrift wie "FA-art" entstehen konnte. Schlesien hat selbst keine größeren literarischen Traditionen und bildet - infolge der langjährigen Innenmigrationen - in gesellschaftlich-kultureller Hinsicht einen spezifischen, inkohärenten Wirrwarr, in wirtschaftlicher Hinsicht aber wurde es für die Moderne… zum Denkmal. Schlesien hat auch eine administrative Eigenheit - die Grenzen zwischen den Städten sind gänzlich verwischt, sogar Kattowitz läßt sich schwer als kulturell-wirtschaftliches Zentrum der Region bezeichnen und ließe sich vortrefflich mit der Wurzelstock-Metapher beschreiben. An Paradoxen mangelt es hier nicht: Den heute wirtschaftlich und kulturell integralen Teil von Schlesien bildet das Dąbrowskie-Becken, das einmal zum russischen Teilungsgebiet gehört hat und seine eigene kulturelle Spezifik sowie andere politische Traditionen besitzt. "FA-art" konnte zwischen einer regionalistischen und einer postmodernistischen Option wählen. Es sollte nicht verwundern, daß die Entscheidung intuitiv auf die zweite fiel, da es in der Sprache (im Polnischen oder in der Mundart) nicht einmal ein Wort gibt, mit dem die Identität der Mehrheit der Redaktionsmitglieder bezeichnet werden könnte. Wir sind keine Schlesier, aber wir sind auch keine Zugezogenen, keine "gorole" - wie die Schlesier die zugewanderte Bevölkerung nennen.
    Währenddessen erfreut sich im literarischen Leben Polens der neunziger Jahre aber gerade der Regionalismus einer besonderen Gunst - in der Regel handelt es sich dabei um einen proeuropäischen Regionalismus (dieVision von einem Europa der Heimatländer), der die Vorteile der Vielfältigkeit betont, und den Dialog der Kulturen und lokalen Traditionen befürwortet. Wenn "FA-art" dieser Option in gewissem Sinne polemisch gegenübersteht, dann liegt das am kritischen Verhältnis zum Begriff der Identität, die eine metaphysische Beziehung zwischen dem "Ich" und dem Sein, sowie dem Sein, dem Ort und der Wahrheit herstellt. Daher stehen wir der sog. "Heimatliteratur", die nach Meinung vieler Kritiker die bedeutendste literarische Strömung in der polnischen Literatur der neunziger Jahre darstellt, skeptisch gegenüber.
    Um die Mitte der siebziger Jahre machte sich im polnischen literarischen Leben eine Abkehr von den neuen (neoavangardistischen) Tendenzen bemerkbar. Das Ansehen solcher Dichter wie Czesław Miłosz, Zbigniew Herbert oder Tadeusz Konwicki wuchs auf Kosten der Popularität von Autoren wie z.B. Tadeusz Różewicz. Im Fieber der politisch-kulturellen Debatten der achtziger Jahre wurden Schriftsteller mit innovatorischen Ambitionen ziemlich abwertend als "Soz-Parnassianer" bezeichnet. Niemand stellte ihren künstlerischen oder intellektuellen Rang in Frage, sie wurden jedoch als veraltet verworfen und in die Literaturgeschichtsbücher verbannt. Die Debütanten der neunziger Jahre, die generell das im Jahrzehnt zuvor geltende Verständnis von dem, was Literatur zu leisten habe, ablehnten, suchten ihre Meister und Schutzherren unter den fremden Schriftstellern (wie z.B. Lyriker der New Yorker Schule, vor allem Frank O’Hara). Wir erinnerten in unserer Zeitschrift dagegen an die Leistungen der größten Vertreter der polnischen neoavangardistischen Literatur - an Tymoteusz Karpowicz, Witold Wirpsza, Miron Białoszewski, Teodor Parnicki… Wenn man in der Geschichte der polnischen Literatur weitergeht, stellen sich die meisten meiner Zeitgenossen an die Seite von Bruno Schulz (Renaissance der mythographischen Prosa), wir dagegen - an die Seite von Witold Gombrowicz. Die Literaturkritik nahm die Debüts der siebziger und achtziger Jahre, deren Autoren sich bemühten, avangardistische literarische Strategien zu entwickeln, sehr ungnädig auf. Diese Wertung aus der gar nicht fernen Vergangenheit wurde von unseren Zeitgenossen in der Regel übernommen. Umso mehr, als es dadurch leichter ist, sich selbst als etwas ganz Besonderes darzustellen. Und wieder, "FA-art" erinnert gerne an die damaligen Werke (von denen manche schon postmoderne Züge tragen), ohne den allgemeinen - vorgetäuschten oder echten - Gedächtnisschwund hinsichtlich der jüngsten Literatur zu akzeptieren, und ohne sich mit der großen These von dem "schwarzen Loch in der polnischen Prosa der achtziger Jahre" einverstanden zu erklären.
    Es sollte also nicht verwundern, daß die Zeitschrift - obwohl sie mit ihrer Geschichte selbst zum Phänomen der 60er-Generation gehört - den Leistungen ihrer Altersgenossen gegenüber eine kritische Distanz wahrt. In unseren Spalten haben wir mit der These einer ästhetischen Zäsur des Jahres 1989 polemisiert. Genauso stellten wir auch die Überzeugung in Frage, die "Jungen" unterschieden sich von ihren Vorgängern, indem sie neue Qualitäten anbieten oder neue literarische Erscheinungen anregen würden.
    Es war das große Glück von "FA-art", daß sich unter den Redakteuren und Mitarbeitern der Zeitschrift auch ein paar begabte Kritiker befanden. Sie wußten die neuen methodologischen Impulse zu nutzen, und für einen erkennbar eigenen Stil und unabhängige Urteile in ihren Texten zu sorgen. Parallel zum Auftritt der Debütanten in den neunziger Jahren gab es glücklicherweise eine interessante Bewegung in der Literaturkritik. "FA-art" spielte dabei eine beachtliche Rolle und zog im Laufe der Zeit auch Autoren an sich, die sonst mit anderen Titeln und anderen Kreisen verbunden waren; und zwar sowohl Kritiker als auch Lyriker oder Prosaiker.
    Die vorliegende Ausgabe unserer Vierteljahreszeitschrift bringt eine Auswahl der literarischen und literaturkritischen Texte, die zum großen Teil schon einmal bei uns publiziert wurden. Einer möglichst großen Verständlichkeit zuliebe, haben wir sie z.T. etwas gekürzt. "FA-art" hat den Ruf, eine ehrgeizige und schwierige Zeitschrift zu sein. 1996 verglich Arkadiusz Bagłajewski, Chefredakteur der Lubliner Vierteljahreszeitschrift "Kresy", unsere Zeitschrift mit der angesehenen, literaturwissenschaftlichen Fachzeitschrift "Teksty Drugie", die vom Institut für Literaturwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird. Nun, wenn in dem Vergleich ein bißchen Wahrheit steckt, ist das für uns ein Kompliment. Man muß auch gleich hinzufügen, daß ein Vergleich mit den "jungliterarischen" Zeitschriften, die dem Ethos und der Poetik der art-zin entstammen, ebenfalls möglich wäre. Allem Anschein zum Trotz kann man - so hoffen wir - das Akademische mit der Gegenkultur verbinden. In Zeiten der Massenkultur ist so eine Verbindung vielleicht sogar ganz natürlich.
    Ist "FA-art" eine schwierige Zeitschrift? Nein, wir betreiben keine l’art pour l‘art - das, was Kritiker der Zeitschrift als elitäre Züge einstufen, ist schlicht das Ergebnis einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den besprochenen Problemen und kommentierten Büchern, resultiert aus dem Mißtrauen und Widerwillen gegen triviale, publizistische Vereinfachungen. Dabei vergessen wir nicht, daß die Literatur und das Schreiben über die Literatur auch eine Unterhaltungsfunktion haben.
    Das Heft, das Sie in Händen halten, wurde so vorbereitet, daß es in seinem literarischen und kritischen Charakter, in seiner Redaktion und graphischen Gestaltung das Profil unserer Zeitung widerspiegelt. Zugleich wollten wir die nach unserer Meinung wichtigen literarischen Erscheinungen und Debatten der letzten Jahre vorstellen. Aus diesem Grund drucken wir in einigen Fällen (mit der freundlichen Erlaubnis unserer Freunde und Mitarbeiter) Texte, die zuvor in anderen Zeitschriften erschienen sind.
    Außerdem stellen wir einige Prosatexte in Auszügen vor, die entweder von unserer Zeitschrift veröffentlicht oder dort ausführlich besprochen und empfohlen wurden. Wir hoffen, daß diese Publikation dazu beiträgt, das Bild von der jüngsten polnischen Literatur zu vervollständigen, und es den interessierten Lesern ermöglicht, Einblicke in Charakter und Klima des polnischen literarischen Lebens zu gewinnen.
Czytany 4734 razy Ostatnio zmieniany poniedziałek, 19 październik 2015 01:23

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