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Specjalny numer kwartalnika w języku niemieckim, przygotowany na Targi Książki we Frankfurcie w roku 1998 - pełne wydanie.

środa, 07 październik 1998 20:30

Das Buch der Zauberworte. Romanauszug

Napisane przez Andrzej Tuziak
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Hätte Professor Naj1 jemals erfahren, daß Epiphanius de Voto im Alter von einunddreißig Jahren zum ersten Mal den Müll hinaustrug, dann hätte er dazu gewiß ein feinsinniges Paradox konstatiert, denn zu dieser Zeit arbeitete er an seinem nächsten Buch, das diesmal just den Paradoxa galt. Sław Naj erachtete Paradoxa für moderne Formen der Zauberworte, und unter anderem deshalb stieß ihn das Schicksal auf Epiphanius De Voto.
De Voto sagte ihm nicht die Wahrheit darüber, wie das Typoskript DES BUCHS DER ZAUBERWORTE in seine Hände geraten war. Er behauptete, jemand habe es ihm in den Briefkasten geworfen.


Das Sexualleben der NAJs

Hätte Professor Naj1 jemals erfahren, daß Epiphanius de Voto im Alter von einunddreißig Jahren zum ersten Mal den Müll hinaustrug, dann hätte er dazu gewiß ein feinsinniges Paradox konstatiert, denn zu dieser Zeit arbeitete er an seinem nächsten Buch, das diesmal just den Paradoxa galt. Sław Naj erachtete Paradoxa für moderne Formen der Zauberworte, und unter anderem deshalb stieß ihn das Schicksal auf Epiphanius De Voto.
De Voto sagte ihm nicht die Wahrheit darüber, wie das Typoskript DES BUCHS DER ZAUBERWORTE in seine Hände geraten war. Er behauptete, jemand habe es ihm in den Briefkasten geworfen.

Sław Naj hätte Enkel im Alter von Epiphanius haben können, also stimmte er in einer sentimentalen Anwandlung einem Gespräch zu. Professor Naj konstatierte, seine Werke erfüllten die Rolle sentimentaler Historien und nur ein Idiot könne das nicht bemerken. Er erhielt eine Menge Briefe darüber, was er geschrieben hatte, und darüber, was er schreiben solle. In den Augenblicken zweifelnden Innehaltens sann er über seine Familie nach, die der Zufall gegründet hatte und die dank einer unablässigen Abfolge von Wundern immer noch fortbestand.

1950 fand in der alten Stadt Krakau das älteste Ritual der Welt statt, das später Gegenstand der berühmten Arbeit Najs Das Sexualleben der Zivilisierten werden sollte. In einer für einen Tag gemieteten Wohnung führte Sław Naj, als er auf einer gewissen Teresa Kowalska lag, Bewegungen aus, die eines Philosophen unwürdig waren. Beide zogen daraus Annehmlichkeit, wenn auch keine Ekstase. Als das Ritual auf seinen Höhepunkt zusteuerte und Naj das älteste Verhütungsmittel der Welt anwenden, d.h. im entsprechenden Moment unterbrechen wollte, stellte sich heraus, daß er das nicht konnte. Gewisse Muskeln der Teresa Kowalska hatten einen Krampf erlitten und vereitelten die Ausführung dieser Tätigkeit. Die Muskelverkrampfung war Resultat der Angst, daß "etwas passieren könnte". Und es passierte. Trotz heftigster Bemühungen und Überzeugungskraft von seiten Najs gelang es nicht, die Muskeln einer Lockerung zuzuführen, zumindest nicht sofort. Das Paar lag so noch eine Stunde in seiner unbequemen Stellung und erging sich gegenseitig in den übelsten Beschimpfungen.

Durch einen sonderbaren Lauf der Dinge hatte der Sohn Najs ein ähnlich eindrückliches sexuelles Abenteuer. Das geschah 23 Jahre später, in der Stadt Lodz, als der frischgebackene Polonist drei Schülerinnen ins Auge fiel, die er auf die Reifeprüfung vorbereitete. Die Schülerinnen glaubten, sein Name bedeute, er sei der beste, eben Naj-stel, und zwar in jenen Dingen, von denen ein junges Mädchen träumt, wenn es heranwächst und mutig genug ist, sich zu seinen Träumen zu bekennen. Die Mädchen lockten den jungen Naj unter dem Vorwand einer Słowacki-Interpretation in die Wohnung einer von ihnen, wo sie ihn zu überreden versuchten, mit ihnen dreien der Reihe nach den Koitus zu vollziehen, als aber Naj ablehnte und hinter dem Kodex für Schüler und Lehrer Zuflucht suchte, überwältigten ihn die drei Mädchen und fesselten ihn ans Bett, auf dem er dann die ganze Nacht verbrachte.

Hätte Professor Naj von der obengenannten Tatsache gewußt, dann hätte er aus dieser Analogie Schlußfolgerungen ziehen und den Komplex des "arretierten Glieds" entwickeln können, was die Substanz des "Sexuallebens der Zivilisierten" zweifellos bereichert hätte.

Najs jüngstes Kind, Elżbieta, 25 Jahre, war Lesbierin. Epiphanius sah sie unmittelbar nach der Lektüre DES BUCHS DER ZAUBERWORTE und hielt sie für eine sich schminkende Freundin, während sie in Wirklichkeit gerade ihrer Freundin dabei half, Parfums zu stehlen. Sław Naj wußte von ihren erotischen Vorlieben und nahm ihr das nicht übel, denn er wollte als toleranter und moderner Mensch gelten. Er war sogar zufrieden, daß seine Tochter niemals die Möglichkeit haben würde, ein männliches Glied gefangenzunehmen, wie das ihre Mutter getan hatte.

Der dritte Nachfahre Najs, der zweite Sohn, Jan, hatte das allernormalste Sexualleben, deshalb schrieb er erotische Romane, die er unter dem Pseudonym Jan van der Van veröffentlichte. Er selbst betrachtete sich als avantgardistischen konzeptualistischen Schriftsteller, aber unter seinem eigenen Namen veröffentlichte er nur einen Text, der ziemlich mißlungen war.2

Hätte Epiphanius von der Existenz Jan Najs erfahren und davon, daß dieser sich mühte zu schreiben, dann hätte er größeren Anlaß gehabt, ihn der Verfasserschaft DES BUCHS DER ZAUBERWORTE zu verdächtigen als den Professor. Eine der wichtigsten Fährten hätte die Erkenntnis sein können, daß sich der Name Jan Naj in beiden Richtungen gleich las, analog zu dem Namen Ronor.

Seit dem Jahre 1950, d.h. seit jenem unglückseligen Beginn des Sexuallebens der Najs, hielt sich Naj an die bewährten und wissenschaftlich fundierten Methoden zur Erlangung sexueller Befriedigung. Seine Vorgehensweise mit Frauen reduzierte sich auf die folgenden Regeln:
1. Sie liegen nebeneinander.
2. Sie zieht sich aus.
3. Er zieht sich aus.
4. Sie küssen sich.
5. Er berührt ihren Hals, ihre Ohren.
6. Er berührt ihre Brüste.
7. Sie streichelt seinen Rücken.
8. Sie berührt sein Brusthaar.
9. Er berührt, kost ihre Schenkel.
10. Er streichelt ihre Klitoris.
11. Sie berührt sein Glied.
12. Er berührt mit dem Finger den Eingang in die Scheide.
13. Sie legt sich auf den Rücken.
14. Sie spreizt die Beine.
15. Er erhebt sich und sieht sie an.
16. Er legt sich auf sie.
Es bleibt Najs Geheimnis, wie es ihm gelang, ein solch subtiles Oeuvre über die Erotik zu verfassen, obwohl er nur die obengenannten Sexualerfahrungen vorzuweisen hatte.3 Im übrigen ist Das Sexualleben der Zivilisierten nicht nur ein erotisches Traktat, sondern auch eine detaillierte soziologische Abhandlung, die auf einer Reihe unmittelbarer Beobachtungen und der Analyse von Dokumenten basiert. Naj sammelte eine Anzahl interessanter Fälle unseres Alltagslebens und richtete seine Aufmerksamkeit dabei nicht nur auf die Erotik, sondern auch auf die Weltanschauung, die Entwicklung und die historische Dauer der Familie.

Wie es sich für einen guten Wissenschaftler gehört, interessierte sich Naj mehr für fremde Familien als für die eigene. Er observierte die Nachbarn, las ihre Briefe, die er über Wasserdampf geöffnet hatte, hörte Gespräche ab, befahl Kindern, ihre Eltern zu bespitzeln, und belohnte interessante Informationen mit Pralinen von "E. Wedel", einst "22. Juli" und davor wiederum "E. Wedel". Alle diese Bruchstücke legte er ab und ordnete sie zu einem klaren Bild nicht nur der sexuellen, sondern auch der sozialen Verhältnisse. Einer der interessantesten von Naj beschriebenen Fälle ist die Geschichte des Geschlechts Bršzowy, die er in seinem Werk ohne die Zustimmung der involvierten Parteien veröffentlichte, wodurch er sich Schikanen ihrerseits und ein mit Emulsionsfarbe geschriebenes Wort auf seiner Wohnungstür einhandelte, das üblicherweise und sehr häufig der fragliche Frazio4 in den Mund nahm.

Die Saga

Jan Bršzowy heiratete Krystyna Biała, nachdem er sie vier Monate kannte. Krystyna Biała wurde so zur Krystyna Bršzowa und gebar Jan eine Tochter, Teresa Bršzowa. Teresa Bršzowa heiratete jedoch niemals, aber das wußten die Eltern noch nicht, als sie drei Jahre nach Teresa ihre nächsten Nachkommen, die Zwillinge Adam und Zenon, zeugten. Als die Brüder die Geschlechtsreife erreichten, erteilte ihnen der Vater folgenden Auftrag:
"Denkt daran, ihr seid die einzigen Erben meines Namens. Ihr müßt euch bemühen, daß es auf der Welt nicht an Bršzowys mangle."
Jener Aufruf wurde zum Beginn des Niedergangs dieses Geschlechts. Jan Bršzowy wiederholte ihn seinen Söhnen mindestens ein Dutzend Mal am Tag. Die frustrierten Brüder schworen Rache. Beide heirateten und änderten ihren Namen. Adam zu Bronzowy, und Zenon zu Brołzowy.
Der Schlag hätte nicht präziser geführt werden können, auf die Nachricht davon erlitt Jan Bršzowy einen Schlaganfall. Bevor er starb, gelang es ihm aber noch, seiner Tochter zu sagen, daß auf ihr jetzt die Pflicht laste, den Namen zu erhalten.

Obwohl es sie eher zu Frauen hinzog als zu Männern, suchte Teresa mehrere Monate lang jemanden, der bereit gewesen wäre, sie zu heiraten und ihren Namen anzunehmen. Letztendlich beschloß sie, doch zu ihrer einzigen Liebe zurückzukehren, einer Medizin-Laborantin, der sie ihre Sorgen anvertraute. Die Laborantin hatte Zugang zu einer Samenbank, in der die intelligentesten Männer ihre Gene als Vermächtnis hinterlassen hatten. Die beiden Frauen beschlossen, sich etwas von dem anonymen Samen zu leihen. Teresa besuchte ihre Freundin während der Arbeit, und die spritzte ihr mit einer kalten Pipette etwas weiße Flüssigkeit ein. Nach einer gewissen Zeit gebar sie eine Tochter, Magda, und ihre Freude verringerte sich etwas.

"Mach dir keine Sorgen", sagte die Laborantin, "sie können wir auch mit der Pipette..."
Adam aber hatte vier Söhne, Zenon drei. Auf diese Weise hatte erst einmal die Mutation der Bronzowys die Übermacht gewonnen. Das alles komplizierte sich jedoch, als die Jungen herangewachsen waren. Ein Sohn Adams starb bei einem Fahrradunfall, ein zweiter beschloß, Priester zu werden, und es schien, die Brołzowys gewännen die Übermacht, bis Zenon erfuhr, daß sein ältester Sohn unfruchtbar war.

So also zählte siebzehn Jahre nach dem Tod Jan Bršzowys sein Geschlecht vier männliche reproduktionsfähige Nachkommen, in zwei phonetischen Varianten, und eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts, das den väterlichen Namen trug und sich im Namen dieses Namens mit dem Ritual der Pipette vertraut machte. Die zwei Bronzowys verehelichten sich im Alter von zwanzig Jahren. Einer hatte drei Söhne, der zweite zwei Töchter. Bogdan Brołzowy verliebte sich dagegen in eine unfruchtbare Frau. Auf diese Weise lastete der Fluch der Unfruchtbarkeit ein zweites Mal auf den Brołzowys und der sechzigjährige Vater Bogdans mußte, um das Geschlecht zu retten, sich scheiden lassen und sich eine neue Frau nehmen, die ihm einen Sohn schenken könnte, damit sein Name nicht untergehe. Der alte Brołzowy hatte dabei Glück, und so wurde er Vater von Zwillingen. Er hatte zwar nicht zu den Nachfahren der Bronzowys aufgeschlossen, aber er war ihnen zumindest auf der Spur.

Krystian Bronzowy zögerte lange mit der Heirat, aber als er sich endlich an eine Frau herangemacht hatte, zeugte er vier Söhne und zwei Töchter, Zwillinge, und als sein Bruder Stefan es ebenfalls unternahm, die Heerscharen der Bronzowys zu mehreren, und es auf vier Söhne, eine Tochter und einen Hermaphroditen brachte, der jedoch aus dem Haus floh und von dem bald keine Kunde mehr zu vernehmen war, schien ihre Dominanz unüberwindlich. Als die Nachricht davon dem Brołzowy-Klan zu Ohren kam, rief sie anfangs Panik und Depression hervor, da sie selbst es nur auf je einen Sohn gebracht hatten.

Die Brołzowys hielten eine folgenschwangere Beratung ab und wählten durch das Losverfahren einen Repräsentanten, der für das Wohl der Familie zwei geheime Ehen schloß und bevor er als Bigamist ins Gefängnis wanderte, seinen Namen an vier Söhne und sechs Töchter weitergeben konnte. Sein Bruder zeugte so legal wie nur möglich zwei Söhne, und beide Stämme waren nun Kopf an Kopf.

Die Nachfahrinnen Teresas - die von der Pipette - setzten das Verfahren ihrer Stammutter tapfer fort, aber es war ihnen niemals gegeben, einen männlichen Nachfahren zur Welt zu bringen. Sie stellten fest, daß es nur, wenn die Pipette männlichen Geschlechts wäre, eventuell ein Sohn werden könnte, aber zum Trost besaßen sie den Namen. Damit er nicht aussterbe, ließ sich jede von ihnen zur Medizinlaborantin ausbilden.
In der fünften Generation nach den Zwillingen Adam und Zenon zählten ihre Nachkommen 104 Männer und 75 Frauen. In dieser Generation kamen die versöhnlichen Tendenzen verstärkt zu Wort. Schließlich kam es zu einem Treffen zwischen Vertretern beider Linien. Der niemals erklärte Krieg, den die Bronzowys und Brołzowys gegeneinander geführt hatten, wurde beendet. Zur Besiegelung dieser Tatsache wurde ein großes Bankett veranstaltet, zu dem sich alle Mitglieder der Linien versammelten, und man beschloß, zu dem Namen Bršzowy zurückzukehren. Dort erschien auch die einzige Frau, die den Namen Bršzowy seit ihrer Geburt führte - Ania Bršzowy, Kind der Pipette.

Auf eben jenem Bankett lernte sie Aleksander Bršzowy kennen, damals noch Bronzowy, und die beiden jungen Leute verliebten sich auf den ersten Blick ineinander. Einen Monat später amüsierten sich alle auf ihrer Hochzeit. Am Abend stahl sich das Brautpaar in das Schlafzimmer, wo sie sich im Dunkeln schnell ihrer Kleider entledigten. Als Aleksander Ania zum Bett und sich mit dem Plan trug, seine ehelichen Pflichten zu vollziehen, spürte er, wie seine Gemahlin ihm irgendeinen länglichen Gegenstand in die Hand preßte.
"Du Dummerchen," flüsterte sie, "ohne das gibt es kein Kind."
Der verwirrte Aleksander machte eine Lampe an, um festzustellen, was er in der Hand hielt. Es war eine Pipette.
Das Sexualleben der Zivilisierten, S. 420-424.

Partei zur Popularisierung poetischer originalität

Epiphanius wäre nie auf die Idee gekommen, daß er jemals einer Partei angehören, geschweige denn selbst eine gründen würde.
Er sprach mit allen über DAS BUCH DER ZAUBERWORTE, überredete zur Suche nach dem Verfasser, zur Vervielfältigung als Typoskript und zu seiner Weitergabe. In einer schlaflosen Nacht nahm er ein Stück Papier und notierte mehrere Sätze darüber, was für ihn DAS BUCH DER ZAUBERWORTE bedeutete. Danach zeigte er dieses Papier Personen, die seine Meinung dazu teilten und die den Text unterschrieben. Im Laufe der Zeit erweiterte sich der Kreis der am Buch Interessierten bedeutend. Die Unterschrift unter Epiphanius’ Worte leisteten beide Kowalskis, und ein Regisseur schrieb sogar ein Drehbuch in Anlehnung an das Werk Ronors.

In jener Zeit, in der zahlreiche Parteien entstanden, sorgte Epiphanius’ Idee für großes Aufsehen. Sabina bemerkte als erste, daß die Anfangsbuchstaben der Hauptwörter ein Wort ergaben, aber Epiphanius hatte seine Aktionen schon zu weit fortgetrieben, um sich zurückziehen oder den Namen noch ändern zu können.

"Auf diese Weise ist sie attraktiver, sie zieht die Aufmerksamkeit auf sich", argumentierte er. "Außerdem plane ich nicht, in übergroßen Ernst zu verfallen."
"Das ist keine allzu kreative Haltung."
"Es ist schwer, etwas Neues in der eigenen Sprache zu sagen, wenn vor mir Millionen von Menschen gelebt haben und jeder von ihnen zumindest einen klugen Satz geäußert hat. Irgendwann erschöpfen sich schließlich die Möglichkeiten, und die Menschen beginnen sich zu wiederholen. Übrigens wiederholen sie sich längst."
"Da hast du es! Nur Ronor sagt etwas Neues!"
"Nein. Gerade er hat meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß man es vermeiden muß, sich zu wiederholen oder jemanden zu wiederholen, aber er gab gleichzeitig zu verstehen, daß wir keine Möglichkeit haben, Wiederholungen zu vermeiden."
"Das riecht mir verdächtig nach Najs Paradoxa."
"Es gibt nur einen Fall, in dem ein Mensch keinen anderen wiederholt."
"Ja?"
"Wenn er selbst zu etwas gelangt, zu dem ein anderer bereits vor ihm gelangt ist. Dann nehmen seine Gedanken eine andere Bedeutung an, seine Worte werden wiedergeboren, es sind neue Worte, obwohl sie schon oft benutzt wurden."
"Und dir ist das gelungen?"
"Mir? Nein, noch nicht, aber Ronor ist es gelungen, und er kann mir sagen, wie man es macht. Deshalb muß ich ihn finden."
"Aber das Resultat ist doch das gleiche."
"Welches Resultat?"
"Du wiederholst jemanden. Ist es nicht besser, zu ignorieren, daß schon jemand so gesprochen hat, daß er dasselbe tat...?"
"Das kann ich einfach nicht. Wenn du es kannst, dann beneide ich dich. Wenn ich etwa sagen wollte, daß ich dich liebe..."
"Mein Gott. Was sagst du da?"
"Unterbrich mich nicht, das ist nur eine Hypothese. Wenn ich also sagen wollte, daß ich dich liebe..."
"Du liebst mich nicht?"
Epiphanius ignorierte die Frotzelei.
"...dann kann ich den Gedanken nicht loswerden, daß ich Banalitäten äußere, daß Tausende von Menschen das bereits vor mir gesagt haben, es mit mir sagen und nach mir sagen werden. Das bringt mich in eine dumme Situation."
"Du hast keine hohe Meinung von anderen."
"Schenk dir die Ironie. Ich will mich ernsthaft aus dieser historischen Linie befreien, die einzig den einmal gegebenen Befehl repetitiert... Ich will ohne die Last auf den Schultern und im Kopf leben."
"Was redest du da!?"
"Niemand zwingt dich, mir zuzuhören."
"Selbstgespräche sind nicht sonderlich originell. Wenn du dich weiterhin so verhältst, dann lebst du wirklich ohne Lasten und schneidest dich von der Geschichte ab, oder vielmehr sie schneiden dich von ihr ab."
"Hab keine Angst, ich komme nicht in die Klapse. Aber du hast recht, unter Irren ist der Normale ein Irrer, denn dort ist Irrsinn die Normalität.."
"Du faselst schon wieder wie Naj! Es ist nicht auszuhalten."
Sabina schloß sich im Bad ein, aber Epiphanius setzte seinen Monolog durch das Schlüsselloch fort.
"Ich imitiere keinen Naj! Ich kann ihn bestenfalls parodieren, denn mir scheint, durch Parodie stoße ich leichter zu dir vor."
"Mich stößt man am besten zwischen den Beinen."
"Sei nicht vulgär."
"Ich bemühe mich, witzig zu sein."
Epiphanius setzte sich auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Badezimmertür.
"Haben dich niemals solche Probleme umgetrieben? Du bist doch gar nicht so dumm."
"Vielen Dank für das Kompliment."
"Ich weiß, du bist ein wenig... sexuell ungezügelt, aber ich werfe dir das ja nicht vor..."
"Aber du bist überhaupt nicht... ungezügelt? Habe ich etwa gestern das Bettuch zerrissen!"
"Schrei nicht so. Die Wände sind dünn. Ich habe das gesagt, weil ich glaube, wir können nicht nur miteinander schlafen, sondern auch reden, wovor du neuerdings zurückschreckst. Übrigens kann ich mich nicht erinnern, daß wir jemals so viele Sätze gewechselt haben wie jetzt. Das ist ein recht merkwürdiges Phänomen unserer Bekanntschaft, denn wenn wir anfangen, uns zu streiten, dann ist das ein Zeichen, daß wir versuchen, uns voneinander zu überzeugen. Laß uns versuchen, uns wie normale Leute zu verhalten, die manchmal über Bücher oder Filme sprechen, und nicht nur über Sex. Wir können spazierengehen und dabei die Bäume betrachten, in ein Café gehen, ohne uns zu hetzen, damit wir gleich im Bett landen. Wir sollten über die Zukunft nachdenken, Pläne schmieden, Ausflüge unternehmen... irgendwohin, vielleicht in die Berge, damit uns nicht nur der Sex verbindet. Sabina! Hörst du, was ich sage? Komm sofort raus! Ich halt es nicht mehr aus. Ich muß dich jetzt haben!"
Er schlug immer heftiger mit der Faust gegen die Badezimmertür und zog sich dabei aus. Er schreckte Sabina mit Tritten gegen die Tür auf, bis sie schließlich öffnete.

"Na bitte," sagte Sabina beim Anblick des nackten Epiphanius, "wer ist jetzt sexuell ungezügelt?"
Das, was sie später taten, hatte keinen unmittelbaren Zusammenhang zur Partei zur Opularisierung Poetischer Originalität, wenn auch auf bestimmte Weise ein Bezug zur Abkürzung dieses Namens entstand. Denn POPO selbst begann ein eigenes Leben.

Der Fragliche Frazio

Niemand hatte je seine Papiere gesehen, zumindest keine der Personen, die ihn näher kannten, also konnte keiner wissen, ob Frazio ein Name oder ein Pseudonym war. Seine Bekannten sagten, er solle ihn in Fratze oder besser noch Fresse ändern, denn das gebe den Zustand seiner Physiognomie und des sich dahinter verbergenden Inneren präziser wieder, aber wenn es ein wirklicher Name ist, dann hätte ein solches Nomen Omen keine größere Fügung der Dinge sein können.

Der fragliche Frazio lebte wahrscheinlich ohne Namen, denn nicht einmal den Organen der Strafverfolgung gelang es, ihn festzustellen, denn Frazio vermied den Kontakt mit ihnen mit einem erstaunlichen Glück, insbesondere wenn man die dunklen Geschäfte bedenkt, auf die er sich eingelassen hatte. Während der letzten Jahre hatte er sich in vielen entlegenen Winkeln Polens sehen lassen, wo dann sein Name (oder sein Pseudonym) mit schockierenden Ereignissen in Zusammenhang gebracht wurde.

Die jüngste Tat des fraglichen Frazio geschah in Thorn. Einige Zeit zuvor war in dieser Stadt Kopernikus geboren worden, der auf eine wissenschaftliche Weise die Erde losgedreht hatte, und der fragliche Frazio war nahe dran, dort eine Geschichte zu drehen, die Thorn und ganz Polen erfaßt hätte. Seine Barschaft legte der fragliche Frazio in einem Geschäft an, das Hemden in T-Form fertigte. Er besorgte die besten Stoffe, die modernsten Farben und die besten Fachleute für eine billige und krumme Produktion, die im Verlauf von zwei Wochen so viele Hemden produzierten, wie die Firmen Wólczanka und Odra jährlich zusammen herstellen. Der fragliche Frazio erhielt in einem Thorner Hotel einen Anruf, es sei alles bereit, den Markt mit unversteuerter und moderner Ware zu überschwemmen.
".........", meldete sich der fragliche Frazio und stocherte mit dem Finger im Nabel.

Es war ein warmer Frühling, und neben ihm lag ein Mädchen mit den Maßen 110, 77, 85. Frazio betrachtete den Busen des Mädchens, der sich auf das Bett ergoß, und erklärte seinem Kompagnon seine neue Idee wegen der Hemden. Der fragliche Frazio hatte erfahren, daß in dieser Saison Hemden mit Aufschrift teurer waren, am besten mit einer englischen Aufschrift, und beschloß, sein Produkt damit zu verzieren und gleichzeitig den Preis zu erhöhen. Aus jenem Telefongespräch, das Frazio mit Flüchen angereichert hatte, mißverstand sein Gehilfe, um welche Aufschrift es ging.
Dank der einsatzfreudigen und billigen russischen Arbeitskraft zierte in der Woche darauf alle Hemden die Aufschrif ........., die wortgetreue Übersetzung des deftigen Ausspruchs eines fraglichen Frazios ins Englische. Es wurden mehrere hundert Hemden verkauft, bevor die Polizei die Verkäufer unter dem Vorwurf des Gebrauchs sittenwidriger Sprache aufgriff. Die Aufschrift war von den Kindern eines Thorner Stadtrats dechiffriert worden, der außergewöhnlich sensibel war für derartige sprachliche Freiheiten.

Der fragliche Frazio verschwand als erster, hinterließ einen Berg von Schulden und zwei Garagen voll Hemden. Vielleicht hätte ihn die Tatsache getröstet, daß nach der Konfiszierung der Preis sprunghaft in die Höhe schnellte, aber er hatte nichts davon; stattdessen hatte er eine neue Idee, denn er war nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal bankrott gegangen.

Für viele Leute war es verblüffend, daß ein so gewöhnlicher und vulgärer Mensch so offenen Betrug begehen konnte, daraus Geld schlug und niemand ihn verfolgte. Seine Gedanken waren ein Rätsel, wenn es überhaupt Gedanken waren, denn er hätte das alles auch instinktiv tun können, unter der Maske seines durchschnittlichen Aussehens und der widerlichen Sprache.

Sław Naj, der von der Existenz des fraglichen Frazio5 durch seinen jüngeren Sohn erfuhr, konstatierte zur beschriebenen Gestalt folgendes Paradox: In den heutigen, recht paradoxen Zeiten hören paradoxe Ereignisse auf, paradox zu sein.
Der fragliche Frazio kam in dem Ort Sól-Kiczor mit DEM BUCH DER ZAUBERWORTE in Berührung, unweit von Laliki, wo das Haus eines Komponisten namens Marek stand. Beide lasen das Buch fast gleichzeitig, aber keiner von beiden wußte, daß sie sich treffen würden. Bis heute ist die Frage ungeklärt, wer auf welche Weise das Typoskript DES BUCHS DER ZAUBERWORTE in diese Region des Landes gebracht hatte, vielleicht geschah es durch die Tätigkeit der Partei (POPO), es ist jedenfalls bekannt, daß der fragliche Frazio nach der Lektüre jenes Textes nur sagte: ".........!"

Er betrachtete dieses Werk recht einseitig. Der Komponist Marek verfiel jedoch nach der Lektüre derselben Seiten in eine völlige Apathie und schrieb in den nächsten Monaten keine einzige Note, auch keine halbe, nicht einmal ein kurzes Auftaktnötchen. Man kann sagen, er setzte eine einzige, unerhört lange Pause.
[...]

Die Musik

Der fragliche Frazio geriet durch Zufall in ein Konzert mit Mareks Musik. Das geschah in Laliki, unweit von Sól-Kiczora, auf dem Anwesen des Komponisten Marek Marek (Vor- und Nachname), der ein sechsstelliges Dollar-Konto hatte, auf das die Preise der Wettbewerbe für Zeitgenössische Musik und die Einnahmen aus Aufführungen seiner Werke auf der ganzen Welt eingingen. Marek war ein so avantgardistischer Komponist, daß er manchmal gar nicht wußte, was er komponierte und warum er das tat.

Das Konzert fand in einem Park statt, der zu Mareks Villa gehörte. Man hatte mehrere Dutzend Stühle hingestellt, auf denen die Creme der Gesellschaft Südpolens Platz nahm, Musiker, Musikkritiker und Journalisten, und außerdem der fragliche Frazio. Marek kündigte die Welturaufführung seines Quartetts für Blasinstrumente selbst an.

Auf dem kleinen Podium erschienen vier Musiker und breiteten ihre Noten auf den Ständern aus. Die Musiker taten viele merkwürdige Dinge, und Frazio bekam zunächst nicht mit, daß sie bereits die Uraufführung des Werks Opus 70 intonierten.
Der Klarinettist hielt in seinen Händen das zerlegte Instrument und produzierte auf ihm Töne, die man erzeugt, wenn man in leere Flaschen bläst. Der Saxophonist klapperte auf den Oktavklappen, ohne in das Mundstück zu blasen, das er nicht mal aufgesteckt hatte, und von Zeit zu Zeit schlug er in den Tonhals des Instruments. Der Posaunist verhielt sich einigermaßen normal, d.h. er blies in das Mundstück, aber er erzeugte außer dem Säuseln der ausgestoßenen Luft keinerlei Töne. Der Oboist blies einfach in die Mündung seines Instruments.

All das war im Säuseln des Winds und im Vogelgesang kaum zu vernehmen. Nach zehn Minuten ähnlich befremdlicher Operationen der Musiker, in dem Teil, den der Komponist als Allegro vivace beschrieben hatte, ließ Frazio seiner Verärgerung freien Lauf und erhob sich von seinem Platz.
"Meine Herren, ......, hört mit dem ......... auf und spielt endlich etwas!", sagte er und wurde vom Ordner durch einen Knuff zum Schweigen gebracht und sofort vom Anwesen Mareks entfernt.

Im folgenden verlief das Konzert störungsfrei, wenn man die Tatsache außer acht läßt, daß ein unerkannt gebliebener Vogel auf den Oboisten kackte. Der Höhepunkt des Quartetts war einzig ein langes C, das von allen Instrumenten abwechselnd in den letzten drei Minuten gespielt wurde.
Marek nahm die Ovationen und Gratulationen seiner Zuhörer kühl auf. Das Quartett war heimlich auf einem verborgenen Tonband aufgezeichnet worden, was später der Grund für einen langen Prozeß über Ehrabschneidung sein sollte, den Marek gegen den Journalisten anstrengte, weil dieser im Radio Teile des Quartetts in der falschen Reihenfolge gespielt habe. Der Journalist rechtfertigte sich mit der allzu großen Ähnlichkeit zwischen den einzelnen Teilen des Quartetts, und Marek riet ihm, er solle sich mit Politik beschäftigen, wenn er ein Allegro nicht von einem Scherzo unterscheiden könne.

Eben jene strittige Sendung über Mareks Werke hörte Epiphanius de Voto im Radio. Die Bemerkung eines fraglichen Frazios war jedoch herausgeschnitten worden. Der Journalist erging sich über die phantastische Verbindung der Töne der Natur (Wind und Vögel) und der musikalischen Vorschläge Mareks.
"Sabina, hast du gehört? Dieser Kerl hat denselben Vor- und Nachnamen. Ist das nicht seltsam?"
"Seltsam sind eher seine Eltern, die ihm den Vornamen ausgesucht haben."
Seit dieser Zeit richtete Epiphanius größeres Augenmerk darauf, wie jemand hieß. Natürlich blieben Adam Ronor und POPO weiterhin das Zentrum seines Interesses.

Aber die Partei erfüllte die Hoffnungen, die Epiphanius in sie gesetzt hatte, nicht, dagegen entfaltete sie sich voll bei der Realisierung ihres in der Satzung festgeschriebenen Ziels, d.h. der Opularisierung. Dank ihr verlegte die Krakauer Gruppe der Anhänger poetischer Originalität, an ihrer Spitze Wacław Kowalski, das vervielfältigte BUCH DER ZAUBERWORTE auf eigene Kosten. Als diese Kopie durch Zufall in die Hände von Epiphanius gelangte, erfaßte ihn eine verfrühte Euphorie, denn de Voto war sich sicher, wenn er Leute fände, die die Vervielfältigung vornahmen, dann würde er auch auf den Autor stoßen. Die jungen Enthusiasten der Prosa Ronors hatten sich jedoch zu einer kleinen Fälschung hinreißen lassen, denn sie schrieben etwas in der Art eines Vorworts zu Ronors Werk. Dieser Text war voll von schwülstigen Formulierungen und saftigem Polnisch im Stile: "Genug der Phrasendrescherei ......... dickbäuchiger Pseudo-Schriftsteller", das trotzdem merkwürdig gut zum Text des Buches selbst paßte.

Epiphanius verlor zwei Wochen damit, Wacław Kowalski ausfindig zu machen und ihm die Wahrheit aus der Nase zu ziehen. Er war wütend, als er erfuhr, daß es eine falsche Fährte war. Er brach zusammen und hatte Bettprobleme6, Sabina tat, was sie konnte, um ihn zu trösten.
"Wie können sie sich so unter den Namen eines anderen einschleichen?", jammerte er.
Sabina blätterte durch eine Zeitschrift, die voll war mit Ratschlägen über den Kampf gegen Falten und das Haarefärben. Sie war immer noch nicht schwanger, was sie ein wenig verärgerte.
"Ich habe dir doch gesagt, daß diese Krakaureise keinen Sinn hat."
Sabina verbrachte mit ihm mehrere Tage in einem kleinen Hotelzimmer, aber es gelang ihr nicht, ihn zum Mittagessen im Wierzynek zu überreden.

"Das ist kein Ort für mich", sagte er. "Nicht einmal mit Gewalt bringt mich irgendjemand dorthin. Das ist ein Ort für Snobs."
So nannte Epiphanius all die Orte, an denen er nicht verkehrte, also Opern, Theater, Nachtklubs, Diskotheken, Museen, Geschäfte mit teuren Kleidern, Folkloreläden, Antiquitätengeschäfte, Beratungsstellen für psychische Gesundheit, Philharmonien und das Restaurant Wierzynek. Was die Philharmonie anging, so sollte Epiphanius binnen kurzem seine Ansicht ändern, insbesondere nach jener Radiosendung über das musikalische Oeuvre Mareks, in der der Komponist sich despektierlich über das Komponieren von Opern äußerte. Für Marek ertrug die wahre Musik nur eine Anwendungsform der menschlichen Stimme - den Chor.

Sabina und Epiphanius gingen zu einem Konzert, bei dem Mareks "Symphonisches Poem" gespielt wurde. Das Werk begann damit, daß Streicher in die Öffnungen der Klangkörper bliesen, was ein Anschwellen niedriger schwirrender Töne verursachte, die dann von den Blasinstrumenten aufgenommen wurden. Das ganze "Symphonische Poem" basierte nur auf den fünf Tönen a-e-f-c-d, deren Klang unendlich gedehnt wurde, in Monotonie und unerheblicher Dynamik. Nach den Vorgaben des Komponisten war das Werk in 18 Minuten und 30 Sekunden aufzuführen. Während des Konzerts kam Epiphanius der Gedanke, daß Ronor, wenn er Komponist wäre, etwas ähnliches wie Marek komponieren würde.

Ein Wichtiges gespräch

Sław Naj hatte einmal in der Woche D
ienst in der Telefonseelsorge. In den Pausen zwischen dem einen und dem anderen Telefonanruf arbeitete er an seiner Abhandlung über Paradoxa.
Das Telefon klingelt.
"Telefonseelsorge, bitte sehr."
"Guten Tag," hörte er eine unsichere männliche Stimme.
"Guten Tag, Herr Kowalski."
"Zur Hölle! Woher wissen Sie, wie ich heiße."
"Ich weiß es gar nicht."
"Warum sprechen Sie mich dann mit meinem Namen an?"
"Ich wußte nicht, daß das Ihr Name ist, ich nenne einfach jeden Kowalski, damit der Gesprächspartner Vertrauen zu mir aufbaut und nicht nur eine Stimme ist. Das ist eine gewisse Form der Universalisierung des Individuums, wenn es Sie interessieren sollte. Im Grunde ist es mir egal, wie Sie heißen, alles, nur nicht Bršzowy."
"Ich verstehe Sie nicht."
"Das ist unwichtig, denn fürs Verstehen bin ich da."
"Ja... wissen Sie... ich habe ein Problem..."
"Glauben Sie, ich hätte keine?"
"Doch, schon..."
"Ihr Kowalskis denkt, daß nur Ihr Probleme habt. Kommt euch denn nie der Gedanke, daß Ihr auf dieser Welt nicht allein seid!"
"Aber..."
"Bitte unterbrechen Sie mich nicht! Sie haben hier angerufen, um einen Rat zu hören, also hören Sie jetzt auch zu. Vor einem Augenblick rief mich irgendein Kowalski an, der Probleme mit der Erektion hat. Vor ihm marterte mich ein anderer mit der Frage, ob sein Glied die richtigen Maße habe oder nicht. Mir drängt sich die Vermutung auf, daß die Menschen über nichts anderes nachdenken! In letzter Zeit machen die Menschen mehr Gebrauch von ihren Genitalien als von ihren Hirnen!"
"Sie sollten sich nicht so aufregen..."
"Ich bin hier für das Belehren da."
"Dann machen Sie jetzt schon, wofür Sie bezahlt werden."
"Niemand bezahlt mich, ich mache das ehrenamtlich, kostenlos, aus gutem Willen, also hören Sie jetzt endlich zu, Herr Kowalski!"
"Ich heiße nicht Kowalski!"
"Wie denn das jetzt? Vor einem Augenblick haben Sie doch gesagt, daß Ihr Name so laute."
Im Hörer war einen Moment lang nichts zu vernehmen, dann war die Stimme etwas zurückhaltender.
"Natürlich ist das mein Name. Sie haben mich etwas aus dem Konzept gebracht."
"Sie sollten mit einem Psychologen sprechen."
"Aber ich spreche doch gerade mit Ihnen. In der Zeitung heißt es, daß hier ein Psychologe Ratschläge erteilt."
"Sie haben Glück gehabt, denn ich bin einer der besten meines Fachs. Aber ich meinerseits möchte Ihnen davon abraten, alles zu glauben, was in der Zeitung steht. In den heutigen Zeiten ist die menschliche Dummheit gerechtfertigt. Die Wissenschaften sind so weit fortgeschritten, das Leben läuft so schnell, es geschieht so viel, daß man nicht alles erfassen kann, man kann sich nicht einmal oberflächlich orientieren, und von einer Universalität im Stile der Renaissance kann erst recht nicht die Rede sein. Man kann sich in einem engen Fach spezialisieren oder alles über nichts wissen, aber man muß zugeben, eine solche Haltung ist bemitleidenswert, also ist der einzige Ausweg des modernen Menschen eine bewußte Ignoranz, eine gezielte Inkompetenz, eine freiwillige Dummheit, wie auch immer Sie wollen."
"Was reden Sie da!?"
"Die Wahrheit, Herr Kowalski, nichts als die Wahrheit. Gegenwärtig ist die Forschung zu dem Schluß gekommen, daß ihre Ergebnisse so hermetisch sind, daß die Gesellschaft nicht imstande ist, das zu verstehen, das Ziel zu verstehen und ihre Anwendungsverfahren. Die Wissenschaft dient nicht den Menschen, sondern den Spezialisten. Sie führt zur Entropie der Welt..."
"Was?"
"Das heißt, daß sie zu viele Informationen in die Welt trägt, die ein einziges Chaos sind, und das Chaos führt zum Zerfall der Gesellschaften, zum Untergang der Welt. Verstehen Sie dieses Paradox, Herr Kowalski, die Welt strebt nach Vollkommenheit, aber sie geht den Weg, der sie in das Chaos und den Untergang führt, denn es gibt nur den einen und immer gleichen Weg. In den alten Zeiten..."
"Mein Herr, warum erzählen Sie mir das alles?"
"Hör zu, Herr Kowalski, du verstehst das schon. Ich wende mich an Sie als an einen Menschen, an ein universales Individuum, denn im Prinzip ist es egal, wem ich es sage. Ich könnte es ebensogut der Wand sagen."
"Auch ein Vergleich!"
"Hören Sie zu, das kommt alles durch die Bücher. Es gibt heute zuviel davon. Früher gab es nur den Koran, und die Leser des Korans beherrschten die halbe Welt. Sie lasen den Koran und wandten seine Gesetze an. Dann kam ein zweites Buch - die Bibel - und wieder beherrschten ihre Leser die Welt. Im Laufe der Zeit erschienen immer mehr Bücher, und die Welt zerfiel. Die Reiche stürzten ein. Hören Sie mich?"
"Ich höre Sie, aber..."
"Hier gibt es kein Aber, entweder Sie stimmen zu oder nicht. Es gibt Ausgänge in der Mitte, aber ihre Anhänger befinden sich in den Heimstätten Geisteskranker. Gegenwärtig warten die Menschen auf ein Buch, das ihnen die ganze zerfallene Welt zu einem Ganzen fügt, ihnen irgendeinen Faden in die Hand drückt, der sie aus diesem Labyrinth hinausführt, der sie vom Wahnsinn heilt und ihnen den Sinn des Lebens weist, wenn es überhaupt etwas gibt wie den Sinn des Lebens."
"Sie zweifeln am Sinn des Lebens? Sie sollten ihn doch den Menschen weisen."
"So sehe ich das nicht. Ich kann bestenfalls aus jemandem den Sinn des Lebens herausdestillieren, aber ich kann ihn niemandem weisen, so gern ich es auch täte..."
"Sie erzählen mir hier lauter Widersinnigkeiten!"
"Weil die Welt voll davon ist."
"Ich bin da anderer Ansicht."
"Dann sind Sie im Irrtum. Ihre abseitige Ansicht resultiert weder aus Wissen noch aus Überzeugung, sondern aus der Lust, sich Autoritäten zu widersetzen."
"Sind Sie vielleicht diese Autorität?!"
"Das steht für mich außer Zweifel. Sie, Herr Kowalski, zappeln in dem Netz, das Sie selbst über sich ausgeworfen haben."
"Denken Sie, ich hätte keine anderen Probleme?"
"Sagen Sie mir bloß nicht, daß es sexuelle Probleme sind, denn dann lege ich den Hörer auf."
"Wenn Sie auflegen würden, dann würde ich sowieso gleich noch mal bei Ihnen anrufen, und zwar nicht mit sexuellen Problemen..."
"Das ist ja interessant! Ich dachte schon, die Menschen hätten keine anderen Probleme. Also werden Sie Ihr Problem schon los."
"Bevor ich Sie angerufen habe, wollte ich mich umbringen..."
"Bevor Sie angerufen haben? Und jetzt wollen Sie das nicht mehr?"
"Nein, jetzt möchte ich Sie umbringen!!!"
Naj hörte das Klicken das aufgelegten Hörers. Ins Tagesregister trug er ein: "Mann vom Selbstmord abgehalten."

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier

Anmerkungen
1. Der Name Naj ist ein sprechender Name, bezeichnet die Steigerungsvorsilbe für den Superlativ und könnte mit "Aller" übersetzt werden. Da A.T. später aber mit der spiegelbildlichen Umkehrung des Vornamens Jan und des Nachnamens Naj spielt, wurde auf die Übersetzung des Namens verzichtet (Anm. der Übers.).
2. Dieser Text wurde 1983 veröffentlicht. Im folgenden der ungekürzte Wortlaut: Die kürzeste und avantgardistischste Erzählung der Welt in drei Versionen.
"I. Ich lese eine Erzählung, die sich zu dem Satz fügt, der davon spricht, daß ich eine Erzählung lese, die aus dreiundzwanzig Ausdrücken besteht.
II. Ich lese eine Erzählung über das Lesen einer Erzählung.
III. Ich lese, daß ich lese."
Jan Naj
3. Zum Vergleich zitiere ich ein Fragment aus Z. Lew-Starowiczs Buch Die Heilung sexueller Störungen, Warszawa: PZWL 1985, S. 127: "Wir liegen nebeneinander. Die Partnerin zieht sich aus. Ich ziehe mich aus. Wir küssen uns. Ich berühre Hals und Ohren der Partnerin. Die Partnerin streichelt meinen Rücken. Die Partnerin streichelt mein Brusthaar. Ich berühre, kose die Schenkel der Partnerin. Ich streichle die Klitoris der Partnerin. Die Partnerin berührt mein Glied. Ich berühre mit den Fingern den Eingang zur Scheide. Die Partnerin legt sich auf den Rücken. Die Partnerin spreizt die Beine. Ich erhebe mich und sehe die Partnerin an. Ich lege mich auf die Partnerin."
4. Der fragliche Frazio erscheint im späteren Teil dieser Geschichte. Vgl. das Kapitel Der fragliche Frazio.
5. Jan Naj hörte von dem Fraglichen Frazio über dessen erstes Mädchen, das er noch aus der Schule kannte. Die gegenwärtigen Dimensionen ihres Busens inspirierten ihn zur Abfassung einer erotischen Novelle, in der der Protagonist nach einer strapaziösen Orgie einschläft, ohne auf seine Partnerin zu achten. Die Gefährtin des schlafenden Mannes schläft ebenfalls ein und schmiegt sich an ihn, und ihre riesige Brust (die linke) schiebt sich auf das Gesicht des Mannes und verstopft ihm Mund und Nase, wodurch sie zur Mörderin ihres Geliebten wird.
6. Denen, die ähnliche Probleme haben, bietet die Lektüre der entsprechenden Kapitel des in Anm. 3 zitierten Buchs Hilfestellung. Der Autor empfiehlt sexuelle Enthaltsamkeit oder häufigen Geschlechtsverkehr, wodurch die Beschwerden geheilt werden können oder auch nicht. So weit die Wissenschaft.

atuzi

Andrzej Tuziak - geb. 1958. Absolvierte das Soziologiestudium an der Schlesischen Universität und die Drehbuch-Fakultät an er Staatlichen Filmhochschule in Łódź. Leitet die Drehbuchseminare an der Schlesischen Universität. Seine Drehbücher waren Grundlage für zwei Fernsehfilme (Tramwajada und Żemenemenu). Veröffentlichte Bände mit Erzählungen: Historia naturalna malarza wędrownego (Natürliche Geschichte eines Wandermalers), Warszawa 1985; Odwrócony od siebie (Von sich selbst abgewandt), Warszawa 1987; Oskarżam pana, doktorze Kafka (Ich klage Sie an, Herr Doktor Kafka), Bytom 1991; Wariackie papiery (Hals über Kopf), Katowice 1994. Autor des Romans Księga zaklęć (Das Buch der Zauberworte), Bytom 1996. In seinem Werk verbindet er die satirische Beobachtung der Wirklichkeit mit posmodernistischen Ausdrucksmitteln. Träger des A. Bursa-Preises, St. Wyspiański-Stipendiums und Solidarność-Literaturpreises.

Die literarische Vierteljahreszeitschrift "FA-art" wurde 1988 von einer Studentengruppe gegründet, die mit dem schlesischen Kreis der pazifistischen Bewegung Wolność i Pokój (Freiheit und Frieden) verbunden war. Anfangs erschien die Zeitschrift im sog. zweiten Umlauf, d.h. außerhalb der Zensur. Ein Jahr später übernahm Cezary Konrad Kęder die Redaktion und die Titelrechte. Er gab der Zeitschrift ihre eindeutig literarische Richtung, auch wenn Literatur schon im ersten Heft ein wichtiges Thema war.
    Der Systemwechsel in Polen, der mit den Wahlen vom 4. Juni 1989 einsetzte, war für das literarische Leben von großer Bedeutung. Die Aufhebung der Zensur, Änderungen der Rechtslage, die Unbeweglichkeit staatlicher Verlage, die auf einmal ihrer Subventionen beraubt waren, der Untergang des Monopolisten im Buchvertrieb, das Ende vieler staatlich subventionierter Zeitschriften - all das förderte die Entstehung neuer literarischer Institutionen. Um so mehr, als es nur wenige der Verlage und Zeitschriften, die mit der Opposition der achtziger Jahre verbunden waren, schafften, sich unter den neuen Bedingungen institutionell anzupassen. Am besten kamen die Neulinge zurecht, die im ganzen Land Zeitschriften ins Leben riefen und dabei häufig von den lokalen Behörden finanziell unterstützt wurden. Eine wichtige Rolle spielte auch die stereotype Erwartung, daß die gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen auch Veränderungen des literarischen und künstlerischen Lebens begünstigen würden. Sowohl die Kritik als auch das Publikum zeigte Interesse an den Debütanten, und suchte bei ihnen den Beleg für die Wende in der Literatur, die wiederum eine Bestätigung für die politische Zäsur sein sollte.
    Die wichtigste Rolle in der jüngsten polnischen Literatur spielten die generationsspezifischen Zeitschriften, die bereits Mitte der achtziger Jahre entstanden waren und schon bald ihr jeweils eigenes Profil entwickelten, auch wenn sie damals noch im zweiten Umlauf erschienen ("bruLion" aus Krakau und - weniger ausgeprägt - "Czas Kultury" aus Posen). "FA-art" war zu diesem Zeitpunkt nur eine von den vielen studentischen Literaturzeitschriften mit einem nicht allzu großen Wirkungskreis. Bis 1992 gelang es, gerade fünf bescheidene Nummern mit literarischen bzw. kritischen Texten herauszugeben. Finanziert wurden sie überwiegend von den Redakteuren selbst. Aber gerade in diesen Jahren bildete sich das Redaktionsteam und das Programm der Zeitschrift heraus. Seit 1992 erscheint "FA-art" nun regelmäßig.
    Das erste Heft, das auf größeres Interesse stieß, war wohl die Doppelnummer 2/3 von 1993 (12/13). Außer Cezary K. Kęder waren damals in der Redaktion: Marcin Herich, Stanisław Mutz und Krzysztof Uniłowski. Zu den engsten Mitarbeitern gehörten Piotr Czakański-Sporek und Dariusz Nowacki. "FA-art" betonte seine Besonderheit durch einen spezifischen Programmcharakter. Sehr schnell wurde bemerkt, daß es unter all den neuen Literaturzeitschriften, die Zeitschrift mit dem deutlichsten und konsequentesten Profil war, und das, obwohl die Redaktion nie ein Programm oder Manifest sensu stricto vorgestellt hat. Das war auch überhaupt nicht nötig! Das "Programm" war ein Ergebnis des Treffens einer Gruppe von Debütanten, die sich hervorragend verstanden. Es verbanden sie Sympathie und Interesse und sie ergänzten sich gegenseitig hervorragend.
    Eine Eigenheit der Zeitschrift war die starke Akzentuierung der Literaturkritik. Das war kein Zufall. Die Verbindungen zur Polonistik an der Schlesischen Universität waren immer sehr stark, wenn auch nie formaler Natur. Während die jungliterarische Kritik (wir nennen sie "jungliterarisch", wobei man unbedingt hinzufügen muß, daß es in den neunziger Jahren in Polen gar keine andere gab) durch eine personenbezogene Einstellung geprägt war, und ihr Diskurs in der Regel einen impressiven und intimen Charakter besaß, schlug "FA-art" die analytische Option vor, indem sie die Tradition des Strukturalismus mit den postmodernistischen Sympathien in Einklang zu bringen suchte. Auch das war etwas Neues. Die Postmoderne wurde in Polen erst in den neunziger Jahren zum Thema. In der Regel jedoch - sagen wir es euphemistisch - war man weder dem Begriff noch der Erscheinung selbst zugeneigt.     In der Symphatie für den Postmodernismus glaubt man gewöhnlich die eigentliche Besonderheit der Zeitschrift zu finden. Man muß klar sagen, daß dies keine zufällige Wahl oder gar Mode war (zur Mode wurde in Polen dagegen die Kritik am Postmodernismus - am häufigsten in feuilletonistischer Manier betrieben). Schlesien war höchstwahrscheinlich die einzige Region in Polen, wo eine Zeitschrift wie "FA-art" entstehen konnte. Schlesien hat selbst keine größeren literarischen Traditionen und bildet - infolge der langjährigen Innenmigrationen - in gesellschaftlich-kultureller Hinsicht einen spezifischen, inkohärenten Wirrwarr, in wirtschaftlicher Hinsicht aber wurde es für die Moderne… zum Denkmal. Schlesien hat auch eine administrative Eigenheit - die Grenzen zwischen den Städten sind gänzlich verwischt, sogar Kattowitz läßt sich schwer als kulturell-wirtschaftliches Zentrum der Region bezeichnen und ließe sich vortrefflich mit der Wurzelstock-Metapher beschreiben. An Paradoxen mangelt es hier nicht: Den heute wirtschaftlich und kulturell integralen Teil von Schlesien bildet das Dąbrowskie-Becken, das einmal zum russischen Teilungsgebiet gehört hat und seine eigene kulturelle Spezifik sowie andere politische Traditionen besitzt. "FA-art" konnte zwischen einer regionalistischen und einer postmodernistischen Option wählen. Es sollte nicht verwundern, daß die Entscheidung intuitiv auf die zweite fiel, da es in der Sprache (im Polnischen oder in der Mundart) nicht einmal ein Wort gibt, mit dem die Identität der Mehrheit der Redaktionsmitglieder bezeichnet werden könnte. Wir sind keine Schlesier, aber wir sind auch keine Zugezogenen, keine "gorole" - wie die Schlesier die zugewanderte Bevölkerung nennen.
    Währenddessen erfreut sich im literarischen Leben Polens der neunziger Jahre aber gerade der Regionalismus einer besonderen Gunst - in der Regel handelt es sich dabei um einen proeuropäischen Regionalismus (dieVision von einem Europa der Heimatländer), der die Vorteile der Vielfältigkeit betont, und den Dialog der Kulturen und lokalen Traditionen befürwortet. Wenn "FA-art" dieser Option in gewissem Sinne polemisch gegenübersteht, dann liegt das am kritischen Verhältnis zum Begriff der Identität, die eine metaphysische Beziehung zwischen dem "Ich" und dem Sein, sowie dem Sein, dem Ort und der Wahrheit herstellt. Daher stehen wir der sog. "Heimatliteratur", die nach Meinung vieler Kritiker die bedeutendste literarische Strömung in der polnischen Literatur der neunziger Jahre darstellt, skeptisch gegenüber.
    Um die Mitte der siebziger Jahre machte sich im polnischen literarischen Leben eine Abkehr von den neuen (neoavangardistischen) Tendenzen bemerkbar. Das Ansehen solcher Dichter wie Czesław Miłosz, Zbigniew Herbert oder Tadeusz Konwicki wuchs auf Kosten der Popularität von Autoren wie z.B. Tadeusz Różewicz. Im Fieber der politisch-kulturellen Debatten der achtziger Jahre wurden Schriftsteller mit innovatorischen Ambitionen ziemlich abwertend als "Soz-Parnassianer" bezeichnet. Niemand stellte ihren künstlerischen oder intellektuellen Rang in Frage, sie wurden jedoch als veraltet verworfen und in die Literaturgeschichtsbücher verbannt. Die Debütanten der neunziger Jahre, die generell das im Jahrzehnt zuvor geltende Verständnis von dem, was Literatur zu leisten habe, ablehnten, suchten ihre Meister und Schutzherren unter den fremden Schriftstellern (wie z.B. Lyriker der New Yorker Schule, vor allem Frank O’Hara). Wir erinnerten in unserer Zeitschrift dagegen an die Leistungen der größten Vertreter der polnischen neoavangardistischen Literatur - an Tymoteusz Karpowicz, Witold Wirpsza, Miron Białoszewski, Teodor Parnicki… Wenn man in der Geschichte der polnischen Literatur weitergeht, stellen sich die meisten meiner Zeitgenossen an die Seite von Bruno Schulz (Renaissance der mythographischen Prosa), wir dagegen - an die Seite von Witold Gombrowicz. Die Literaturkritik nahm die Debüts der siebziger und achtziger Jahre, deren Autoren sich bemühten, avangardistische literarische Strategien zu entwickeln, sehr ungnädig auf. Diese Wertung aus der gar nicht fernen Vergangenheit wurde von unseren Zeitgenossen in der Regel übernommen. Umso mehr, als es dadurch leichter ist, sich selbst als etwas ganz Besonderes darzustellen. Und wieder, "FA-art" erinnert gerne an die damaligen Werke (von denen manche schon postmoderne Züge tragen), ohne den allgemeinen - vorgetäuschten oder echten - Gedächtnisschwund hinsichtlich der jüngsten Literatur zu akzeptieren, und ohne sich mit der großen These von dem "schwarzen Loch in der polnischen Prosa der achtziger Jahre" einverstanden zu erklären.
    Es sollte also nicht verwundern, daß die Zeitschrift - obwohl sie mit ihrer Geschichte selbst zum Phänomen der 60er-Generation gehört - den Leistungen ihrer Altersgenossen gegenüber eine kritische Distanz wahrt. In unseren Spalten haben wir mit der These einer ästhetischen Zäsur des Jahres 1989 polemisiert. Genauso stellten wir auch die Überzeugung in Frage, die "Jungen" unterschieden sich von ihren Vorgängern, indem sie neue Qualitäten anbieten oder neue literarische Erscheinungen anregen würden.
    Es war das große Glück von "FA-art", daß sich unter den Redakteuren und Mitarbeitern der Zeitschrift auch ein paar begabte Kritiker befanden. Sie wußten die neuen methodologischen Impulse zu nutzen, und für einen erkennbar eigenen Stil und unabhängige Urteile in ihren Texten zu sorgen. Parallel zum Auftritt der Debütanten in den neunziger Jahren gab es glücklicherweise eine interessante Bewegung in der Literaturkritik. "FA-art" spielte dabei eine beachtliche Rolle und zog im Laufe der Zeit auch Autoren an sich, die sonst mit anderen Titeln und anderen Kreisen verbunden waren; und zwar sowohl Kritiker als auch Lyriker oder Prosaiker.
    Die vorliegende Ausgabe unserer Vierteljahreszeitschrift bringt eine Auswahl der literarischen und literaturkritischen Texte, die zum großen Teil schon einmal bei uns publiziert wurden. Einer möglichst großen Verständlichkeit zuliebe, haben wir sie z.T. etwas gekürzt. "FA-art" hat den Ruf, eine ehrgeizige und schwierige Zeitschrift zu sein. 1996 verglich Arkadiusz Bagłajewski, Chefredakteur der Lubliner Vierteljahreszeitschrift "Kresy", unsere Zeitschrift mit der angesehenen, literaturwissenschaftlichen Fachzeitschrift "Teksty Drugie", die vom Institut für Literaturwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird. Nun, wenn in dem Vergleich ein bißchen Wahrheit steckt, ist das für uns ein Kompliment. Man muß auch gleich hinzufügen, daß ein Vergleich mit den "jungliterarischen" Zeitschriften, die dem Ethos und der Poetik der art-zin entstammen, ebenfalls möglich wäre. Allem Anschein zum Trotz kann man - so hoffen wir - das Akademische mit der Gegenkultur verbinden. In Zeiten der Massenkultur ist so eine Verbindung vielleicht sogar ganz natürlich.
    Ist "FA-art" eine schwierige Zeitschrift? Nein, wir betreiben keine l’art pour l‘art - das, was Kritiker der Zeitschrift als elitäre Züge einstufen, ist schlicht das Ergebnis einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den besprochenen Problemen und kommentierten Büchern, resultiert aus dem Mißtrauen und Widerwillen gegen triviale, publizistische Vereinfachungen. Dabei vergessen wir nicht, daß die Literatur und das Schreiben über die Literatur auch eine Unterhaltungsfunktion haben.
    Das Heft, das Sie in Händen halten, wurde so vorbereitet, daß es in seinem literarischen und kritischen Charakter, in seiner Redaktion und graphischen Gestaltung das Profil unserer Zeitung widerspiegelt. Zugleich wollten wir die nach unserer Meinung wichtigen literarischen Erscheinungen und Debatten der letzten Jahre vorstellen. Aus diesem Grund drucken wir in einigen Fällen (mit der freundlichen Erlaubnis unserer Freunde und Mitarbeiter) Texte, die zuvor in anderen Zeitschriften erschienen sind.
    Außerdem stellen wir einige Prosatexte in Auszügen vor, die entweder von unserer Zeitschrift veröffentlicht oder dort ausführlich besprochen und empfohlen wurden. Wir hoffen, daß diese Publikation dazu beiträgt, das Bild von der jüngsten polnischen Literatur zu vervollständigen, und es den interessierten Lesern ermöglicht, Einblicke in Charakter und Klima des polnischen literarischen Lebens zu gewinnen.
Czytany 4499 razy Ostatnio zmieniany poniedziałek, 19 październik 2015 01:09
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