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Specjalny numer kwartalnika w języku niemieckim, przygotowany na Targi Książki we Frankfurcie w roku 1998 - pełne wydanie.

środa, 07 październik 1998 20:30

Cocktail Miss Verdurin

Napisane przez Anna Węrzyniakowa
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Wenn der Postmodernismus ein Geisteszustand ist und der Feminismus den Blickwinkel der Frau betont, dann ist Wiek 21 (21. Jahrhundert) der postmodernistische Roman einer Feministin. Lauschen wir dem Auftritt von Doktor Simone Weil zum Thema Frauenfrage: "Meiner Meinung nach zählt im Leben nicht, was wir sind, sondern das, was wir sein wollen. Ein Nachtfalter könnte das Leben eines Bibers führen, wenn er dies aus vollem Herzen begehrte. Ich, Weil, will weder Frau sein noch ein weiblicher Eunuch, der da irgendeinen Sartre anbetet.


Wenn der Postmodernismus ein Geisteszustand ist und der Feminismus den Blickwinkel der Frau betont, dann ist Wiek 21 (21. Jahrhundert) der postmodernistische Roman einer Feministin. Lauschen wir dem Auftritt von Doktor Simone Weil zum Thema Frauenfrage: "Meiner Meinung nach zählt im Leben nicht, was wir sind, sondern das, was wir sein wollen. Ein Nachtfalter könnte das Leben eines Bibers führen, wenn er dies aus vollem Herzen begehrte. Ich, Weil, will weder Frau sein noch ein weiblicher Eunuch, der da irgendeinen Sartre anbetet. Mich verlangt es, Sokrates nachzueifern, ein christlicher Märtyrer zu werden, ein mittelalterlicher Mönch, Byron, der bereit ist, für die Freiheit der allen entbehrlichen Griechen zu sterben" (S. 155). Weiter zitiert die Vortragende Saint-Simon (den ersten Verteidiger der Frauen) und stellt mit Bedauern fest, daß sie wie ein Mann lebt, obwohl sie lieber ein Känguru wäre. Alsdann ein Glas Portwein "auf Saint-Simone", "auf die Semantik der Semiotik", "auf die Kängurus und die Kowalskis" (Toaste als Romanfinale, S. 358)!

Wiek 21 rate ich "vom Schwanz", vom "Archiv der Globibliothek" auf der Känguruinsel zu lesen. Im "ABC der Internationalen Eitelkeit" finden wir eine Liste der Helden (in alphabetischer Reihenfolge), ihre Fotos und außerdem ein Rezept, wie man mit der Lektüre umgeht. Unter dem ersten Foto Ezra Pounds, die Information: "Propercius in Peking (Fot. Es-ra Pon-du)" ermutigt zu elitärem Assoziationsspiel. Was hat Pound mit Peking gemein? Er hat Konfuzius übersetzt! Und mit Propercius Sextus ("seb. 44 n.d. Zr.", lesen wir im "ABC..."), der Italo Svevo in Triest fotographiert hat (derselbige Italo hat in Venedig eine Aufnahme von Propercius gemacht)? Das erfahren wir schon aus dem Roman. Eine solche Collage führt bestens in die Poetik des Buches ein und pointiert zugleich die dem Roman immanente Diagnose "einer postmodernistischen Beschaffenheit" der Kultur.

Zum Feminismus hin führt das Leitmotiv des "Kängerus" (der Körper der Frau, Die Känguru-Insel-Arche) und des "roten Meers", des "roten Fadens". Ewa Kuryluk schreibt frei und ungehemmt, gleichsam ohne "Architektur" (deren "springender Punkt ein großes "M" ist, der Gedanke ("myśl"), der die Natur durch Maß und Mathematik modifiziert" - S. 327), sie schreibt "flüssig", assoziert alles mit allem, als wolle sie die Beweglichkeit und das Fließende des Seins, die Gleichzeitigkeit von Ordnung und Chaos widerspiegeln.

Vor zwanzig Jahren entdeckte sie für sich selber die Kunst des 19. Jahrhunderts (mit ihrer Wertkrise und ihrer ausschweifenden Erotik), später erforschte sie den Hyperrealiamus der Kunst des 20. Jahrhunderts (Experimente mit der Fotographie); in diesem Buch, hinterlistig Nutzen ziehend aus der früheren Edukation, versetzt sie sich ins 21. Jahrhundert, in eine Epoche schöpferischer Auflösung, der "Hypercollage", der Durchdringung des "Müllhaufens".

Sie kreiert einen obskuren, erotisch-ästhetischen Dance macabre in den Ruinen des Modernismus. Teil an ihm haben Gestalten aus der Enzyklopädie der Kultur wie aus dem Familienalbum (die Fotographien sind am Ende des Buches zu besichtigen): Sextus Propercius, die ägyptische Berenike, Hostia/Cyntia (der die Liebeselegien des Propercius gewidmet sind), Moses Maimonides, Wolfgang Goethe und Lotte, Malcolm und Ernestine Lowry, Ossip und Nadjeschda Mandelschtam, Joseph Conrad, Djuna Barnes, Simone Weil, Anna Karenina (die Liste ist allzu lang, als daß man sie komplettieren sollte).

Eine erlesene Gesellschaft, doch worum geht es hier? Um eine Chiffrierung des Inhalts mittels Anspielungen auf Kulturtexte? Vielleicht sollte man diese Figuren als literarische Pseudonyme behandeln (ich, die Familie, die Freunde, die Bekannten), als Camouflage des Privaten? Alle kennen wir irgendeinen Einstein, Obłomow oder Gombrowicz aus Pcim, folglich erstaunt uns auch nicht die Intimität zwischen Ann Kar und Lotte und Maimonides. Nichtsdestotrotz stellt sich die Sache keineswegs so eindeutig dar, sie wird vielmehr kompliziert von der diffizilen Nichtkohärenz der Gestalten. Der Avers zum Familienalbum, der Revers zur Bibliothek, z.B. flieht Sextus Propercius (auf dem Foto ein moderner Tourist bei der Besichtigung eines Museums in Gaza, vermutlich der Ehemann) vom Grab der Hostia in Urbino nach Afrika, verliebt sich in Berenike (die Gattin des ägyptischen Stalin Euergetes), liest ihr Gautier vor, schreibt Briefe an Goethe u.a.m. Zwillingskonstellationen, gegenseitige Verbindungen, verwandte Schicksalskonstruktionen (Hostia - Berenike - Carol, Sextus - Moses - Karl ) suggerieren, daß sich hinter den verschiedenen Namen eine einzige Gestalt verbirgt. Die Collage-Existenz der Romanhelden von Wiek 21 macht zum Detektivspiel geneigt (wer ist wer?), bereichert die Lektüre um das Element der Überraschung. Obwohl es manchmal schwerfällt, sich in den Beziehungen der aus der "Rumpelkammer der Literatur" (S. 145) hervorgeholten Gestalten zurechtzufinden und man dem jeweiligen Aufblitzen unerwarteter Assoziationen nur mühsam folgt, bewundere ich dennoch aufrichtig die "Känguruleichtigkeit" der Gedankensprünge in der Bibliothek. Die "Fundstätte" mit Feuerwerken widerspricht der These von der "Erschöpfung der Literatur". In diesem Falle Selbstreklame: "Überraschungen erwarten die Leser, die Überraschungen zurückweisen" (S. 7), verkündet sie durchaus wahrheitsgemäß.

Um die Orientierung in diesem Museum der Archäologie zu erleichtern, bietet die Autorin "Fotomaterial" zur Ansicht, z.B erfahren wir bereits beim Vergleichen der Aufnahmen, welchen Gestalten Ewa Kuryluk ein Gesicht gibt, wir können auch die Verwandtschaftsverhältnisse bestimmen (Lotte ist z.B. die Mama von Ann/Carol Kar). Nur, lohnt sich das? In diesem Buch sind alle Gestalten fiktiv, zu lose verknüpft mit dem Prototyp, als daß wir den biographischen Schlüssel anwenden könnten. Nein, es handelt sich nicht um eine Autobiographie in Verkleidung, obwohl Ewa Kuryluk Fakten aus dem Leben umgestaltet, frühere kritische Essays und ihre plastischen Arbeiten kommentiert, obwohl sie die Helden auf die Fährte früherer Literaturen und Reisen durch die weite Welt führt.

Alle sind hier gesellschaftlich irgendwie verbunden. Leute aus der Branche, Künstlerfreunde, Weltbürger (aus Córdoba, Manhattan, aus Polen, Moskau), "antike Zeitgenossen". Auf die Epoche zugeschnitten, ausgestattet mit dem Wissen von Ewa Kuryluk, prahlen sie gern mit ihrer Gelehrsamkeit (Goethe beruft sich auf Freud, Maimonides mag Wittgenstein nicht, Svevo liest Derrida usw.), was nicht heißt, daß das Werk gelehrte Streitigkeiten mit den Giganten der Philosophie ausficht. Wenigstens hüllen den intellektuellen "Jahrmarkt der Eitelkeiten" die Nebelschleier einer milden Ironie ein. Jenen ironischen, selbstironischen Ton und das spezifische Gefühl für Humor schätze ich am meisten.
Den Kopf in der Bibliothek, von einem Übermaß an Freiheit, Gelehrsamkeit und von Unausgefülltsein gepeinigt, wohnen die Helden des Romans "überall und nirgends". In Briefen offenbaren sie intimste Angelegenheiten, verbreiten sie sich über Krankheiten, Kunst, Komplexe, über alles und jedes. Ort ihrer permanenten Begegnungen ist Rom. Hier, in der Villa des Propercius Sextus, leitet Wolf Goethe (Gründer und Direktor) die Arbeiten des Instituts für Internationale Eitelkeit. Hin und wieder flicht sich die Historie ein (die Judenvernichtung und die Ausrottung der Afghanen, die Kulturrevolution in China werden erwähnt), doch wie beiläufig, immer an zweiter Stelle, denn die "Torturen des Sex und die Flucht in den Tod sind ein ebenso wichtiges Thema wie die politische Ökonomie" (S. 198). "Fäulnis zehrt an der Welt, und was tun wir, Moses?" fragt Conrad Maimonides, "wir versäumen die morgendliche, den Obdachlosen von Manhattan gewidmete Sitzung und die nachmittägliche Diskussion über Afghanistan. Die Welt geht vor die Hunde, wir aber schwimmen durch die erotische Grotte des Hadrian." Der Philosoph antwortet: "Denn siehst du, Joe, wir sind der unpraktische Scherz eines betrübten Gottes. Gesundheit!" (S. 291)

Die Schicksale der Romanhelden und die "geriatrische" Aktivität des Instituts sagen viel über die Kondition des zeitgenössischen Intellektuellen/Künstlers, über die Situation der Kultur aus. Nach dem Ableben der Mehrzahl der Mitglieder, siedeln die Übriggebliebenen von Rom nach Sydney, auf die Känguruinsel über, wo "in dem lauschigen Beutel der Globibibliothek, inmitten toter Seelen lebendige Gespenster [spielen]. Um einen Rest der europäischen Créme de la créme zu retten, verabschiedet man ein Gesetz, das [ihnen] völlige Ruhe gewährleistet, Anthropologen ist es nicht gestattet, [sie] zu fotographieren [...]. Auf der Känguruinsel hat die Menschheit keinen Zutritt" (S. 353).
Ihren Helden denkt Ewa Kuryluk Probleme aus, mit denen sie selbst sich identifizieren oder bei denen sie eine Seite im Dialog sein kann. Wir hören die Stimmen von Personen, die einst in ihrer wirklichen oder geistigen Biographie existiert (sich also in der Phantasie "materialisiert" haben), ihre (und unsere) Vorstellungskraft geprägt haben. Nunmehr - in ihrem Roman (und gegen Ende des 20. Jahrhunderts) - kann man sie nach Belieben vermischen, kann mit ihnen seine Possen treiben, die Logik von Verknüpfungen ignorieren.

Alles verbindet sich hier wie zufällig mit allem, in der Überzeugung ("Philosophie des Zufalls"), daß "das Leben ein einziges großes Zusammentreffen von Umständen und Gelegenheiten ist, alles wird von Koinzidenz bestimmt" (S. 172). Die Karenina schreibt einen Text über Weil, und Sinone betet: "Gott [...] , laß mich die Karenina sein und mich in Wronsky verlieben" (S. 14). Erstere stirbt aus Liebe, die andere bringt der Verstand um. Liebe, Leidenschaft, sexueller Hunger, der Schmerz der Vergänglichkeit, Askese, Utopie, Schwelgereien des Intellekts, Mythen, Kreationen, simulierte Dauer, "Lüge statt der Drohung des Daseins" (S. 181), die Scheinordnung der Koinzidenz - hauptsächlich davon spricht dieses Buch.

Die Autorin von Wiek 21 interessieren am meisten die Bande zwischen Kunst und Intimleben. "Eros-Narziß, Neger-Sex, na, und Psyche, die Geliebte dieser Zwillinge" (S. 125) bestimmen das Geschick der Romanhelden. Sich von allen Erkenntnistheorien distanzierend, erliegt Ewa Kuryluk wohl ein wenig der Psychoanalyse. Das Ende der europäischen Kultur hängt nicht nur mit dem "GFE-Syndrom" (Gelehrsamkeit, Freiheit, Einsamkeit - S. 127) zusammen, sondern auch mit der Emanzipation (Maskulinisierung) der Frau. Ich bitte um Pardon wegen der Vereinfachung, aber ich lese das so: Ohne Tabu und Sublimierung des Sex kein Narzißmus, und ohne Narzißmus keine Kunst.

Wiek 21 ist ein Roman über Dämmerung und Vergehen. Über eine dekadente Epoche der Kultur sowie über die Krise der mittleren Jahre (Alter, Krankheit, Menopause). Die Verwischung der Grenze zwischen Leben und Kunst führt zu einer Verflechtung von Privatem und Kulturellem, und zwar so weitgehend, daß sich hier alles gegenseitig beleuchtet und kommentiert. In einer alternden Welt gibt es keine jungen Menschen, alle sind wenigstens in den Vierzigern, mit Brustkrebs, Prostata, Artrose, AIDS. Und sie flirten mit dem Nichts.

Anna Karenina, Anna Kar (verbunden mit Karl) und Carol Kar sind unterschiedliche Persönlichkeitsaspekte von Ewa Kuryluk, der Tochter Karols. Mit einer ähnlichen Funktion sind andere Gestalten beschwert (z.B. Simone Weil, Moses Maimonides, Italo Svevo, Malcolm Lowry), jede von ihnen schiffriert ein wesentliches Moment der Identifikation, die einzelne "Stimme" eines vielstimmigen "ich". Die Camouflage erleichtert die Konfession. Ich stimme mit Julia Juryś darin überein (Auszug ihrer Rezension auf dem Umschlag), daß Wiek 21 ein "exhibitionistisches" Buch ist, "offen wie eine Wunde", aber schamlos? Inwiefern? Ich erwidere mit Worten des Romans: "Die Nachwelt erregt nur die tragische Nichterfüllung" (S. 197), und "Hoheit und Gemeinheit, das sind rhetorische Figuren".

Das Buch amüsiert und ermüdet, verführt und nervt. Obwohl ich die brillanten, witzigen Demonstrationen von "Konversationskunst" bewundere, nehme ich doch mit Dankbarkeit den "schwarzen" November auf (eine Serie von Sterbefälle), in Erwartung eines baldigen Endes des Instituts und von Wiek 21. Leider, das Koinzidenzenspiel geht weiter (denn im Lauf des Schreibens hat der Roman seine Regeln gefunden und macht jetzt eine "Architektur" geltend. Damit das "melodramatische Märchen" eine Fortsetzung habe, um scherzen zu können über das "Erbe" Europas in einer "post-terrastralen" Zivilisation des 30. Jahrhunderts, um konsequent die Komposition von "Analogie und Symmetrie" (anders als bei Witold Gombrowicz) parodieren zu können, sind weitere Schicksalswege der Helden vonnöten. Nach dem Tod der Hostia hat Propercius Berenike gepflegt, folglich entfacht per analogiam der Selbstmord von Carol Kar die Leidenschaft des Architekten Miłosław für Djuna Barnes (das amerikanische Symbol der befreiten Frau), während sich in Ann Kar - die Schwester Carols, die die Karenina ist, ein Opfer eben jenes Architekten - ein anderer Miłosław vernarrt, ein Mondmann (eine Gestalt in Science-Fiction-Konvention). Die "erzählerischen" Einfälle der Autorin sind ziemlich kitschig (selbst die parodistische Tendenz spricht sie nicht frei) und halsbrecherisch. Mich amüsieren sie nicht. Im übrigen kann man bei der Lektüre von Wiek 21 die Fabel hintansetzen, denn eigentlich ist sie nur der Vorwand zur Analyse von Partnerbeziehungen.
Wiek 21 verlockt durch seinen freien, nachgerade raffinierten Gesprächsstil (wir sind im 20. Jahrhundert-Salon der Madame Verdurin), seinen Assoziationsreichtum, "einer virtuosen Simulation geistigen Lebens" (S. 353).

Ewa Kuryluk schreibt ein "fiktives Tagebuch unserer Zeit" (S. 352) und zugleich ein postmodernistisches Essay über die Kultur einer ausgehenden Epoche, doch die Geschichte des Künstlers - der vor der Tyrannei der Enzyme (Hormone), der Architekur, der Akademie in die Fiktion flieht, um sich dem Leben anzunähern - berührt überzeitliche Probleme, begünstigt interessante philosophische, psychologische, ästhetische Kommentare. Vermutlich sind deshalb hier biographische Fakten und die "Enzyklopädie der Kunst" gründlich verwischt. "Es gibt nichts Schöneres als Gespräche mit Toten, wenn wir deren Worte auswendig kennen und die Schriften bewundern", sagt Nadjeschda Mandelschtam (S. 194).
Die Autorin beruft sich bewußt auf Lukian: "alle späteren Zivilisationen sind einander ähnlich" (107), "sämtliche postmodernistische Literaturformen haben irgendeine Entsprechung im Rom der Spätzeit" (Gespräch mit Ewa Kuryluk in "Teksty Drugie" 1994, Nr. 5-6, S. 247). Auf den Lukianischen Gedanken stützt sich die Gesamtkonstruktion. Geistreiche Dialoge (Gespräche, Briefe) "mimetisieren" (reflektieren nicht direkt, sondern durch Kreation) Gespräche, die die verschiedenen "Ichs" der Ewa Kuryluk/des Künstlers und des Menschen als solcher führen. Die dialogische Komposition begünstigt die Dezentrierung (der Zersplitterung des "Ich" in etliche gleichzeitige personale Perspektiven) und relativiert großartig die geäußerten Meinungen.

Wieviel ist in diesem Buch spaßhafter Zeitvertreib, Assoziationsspiel, leere Virtuosität und wieviel schriftstellerisches Experiment (Metaprosa) und "wahre" Reise zu sich selbst (Selbstreflexion, Vivisektion)? Literatur ist Gespräch, Text im Text, nicht endende SCHRIFT. "Das Ende ist nicht das Ende ist nicht das Ende. Das Ende ist der Anfang" (S. 351). Beim Lesen von Wiek 21 können wir beliebig den Kreis der Gesprächspartner erweitern, ganz so, wie es die Autorin nahelegt (z.B. Gertrude Stein, Robert Musil, Poo der Bär) oder nach eigenem Gutdünken.
"Um Gotteswillen, hör endlich auf!" ruft Anna aus, als sie das Schreiben von Wiek 21 beendet, worauf sie wieder von vorn anfängt, den ersten Satz des nicht endenwollenden Romans parahrasierend.

Ewa Kuryluk: Wiek 21 (21. Jahrhundert). Aus dem Engl. übers. von M. Kłobukowski. Gdańsk: Wydawnictwo Marabut 1995.

Aus dem Polnischen von Karin Wolff

awegrzAnna Węgrzyniakowa - geb. 1951. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Literaturtheorie der Schlesischen Universität. Autorin von: Dialektyka językowej organizacji tekstu w poezji Juliana Tuwima (Dialektik der sprachlichen Textorganisation in der Lyrik von Julian Tuwim), Katowice 1991 und "Nie ma rozpusty większej niż myślenie". O poezji Wisławy Szymborskiej ("Es gibt keine schlimmere Ausschweifung als das Denken". Über die Poesie von Wisława Szymborska), Katowice 1996. Hervorragende Interpretatorin der Skamander-Lyrik, auch von Leśmian, Szymborska, Różewicz u.a. Langjährige Lektorin des Verlags "Śląsk". Lebt in Katowice.

Die literarische Vierteljahreszeitschrift "FA-art" wurde 1988 von einer Studentengruppe gegründet, die mit dem schlesischen Kreis der pazifistischen Bewegung Wolność i Pokój (Freiheit und Frieden) verbunden war. Anfangs erschien die Zeitschrift im sog. zweiten Umlauf, d.h. außerhalb der Zensur. Ein Jahr später übernahm Cezary Konrad Kęder die Redaktion und die Titelrechte. Er gab der Zeitschrift ihre eindeutig literarische Richtung, auch wenn Literatur schon im ersten Heft ein wichtiges Thema war.
    Der Systemwechsel in Polen, der mit den Wahlen vom 4. Juni 1989 einsetzte, war für das literarische Leben von großer Bedeutung. Die Aufhebung der Zensur, Änderungen der Rechtslage, die Unbeweglichkeit staatlicher Verlage, die auf einmal ihrer Subventionen beraubt waren, der Untergang des Monopolisten im Buchvertrieb, das Ende vieler staatlich subventionierter Zeitschriften - all das förderte die Entstehung neuer literarischer Institutionen. Um so mehr, als es nur wenige der Verlage und Zeitschriften, die mit der Opposition der achtziger Jahre verbunden waren, schafften, sich unter den neuen Bedingungen institutionell anzupassen. Am besten kamen die Neulinge zurecht, die im ganzen Land Zeitschriften ins Leben riefen und dabei häufig von den lokalen Behörden finanziell unterstützt wurden. Eine wichtige Rolle spielte auch die stereotype Erwartung, daß die gesellschaftlichen oder politischen Veränderungen auch Veränderungen des literarischen und künstlerischen Lebens begünstigen würden. Sowohl die Kritik als auch das Publikum zeigte Interesse an den Debütanten, und suchte bei ihnen den Beleg für die Wende in der Literatur, die wiederum eine Bestätigung für die politische Zäsur sein sollte.
    Die wichtigste Rolle in der jüngsten polnischen Literatur spielten die generationsspezifischen Zeitschriften, die bereits Mitte der achtziger Jahre entstanden waren und schon bald ihr jeweils eigenes Profil entwickelten, auch wenn sie damals noch im zweiten Umlauf erschienen ("bruLion" aus Krakau und - weniger ausgeprägt - "Czas Kultury" aus Posen). "FA-art" war zu diesem Zeitpunkt nur eine von den vielen studentischen Literaturzeitschriften mit einem nicht allzu großen Wirkungskreis. Bis 1992 gelang es, gerade fünf bescheidene Nummern mit literarischen bzw. kritischen Texten herauszugeben. Finanziert wurden sie überwiegend von den Redakteuren selbst. Aber gerade in diesen Jahren bildete sich das Redaktionsteam und das Programm der Zeitschrift heraus. Seit 1992 erscheint "FA-art" nun regelmäßig.
    Das erste Heft, das auf größeres Interesse stieß, war wohl die Doppelnummer 2/3 von 1993 (12/13). Außer Cezary K. Kęder waren damals in der Redaktion: Marcin Herich, Stanisław Mutz und Krzysztof Uniłowski. Zu den engsten Mitarbeitern gehörten Piotr Czakański-Sporek und Dariusz Nowacki. "FA-art" betonte seine Besonderheit durch einen spezifischen Programmcharakter. Sehr schnell wurde bemerkt, daß es unter all den neuen Literaturzeitschriften, die Zeitschrift mit dem deutlichsten und konsequentesten Profil war, und das, obwohl die Redaktion nie ein Programm oder Manifest sensu stricto vorgestellt hat. Das war auch überhaupt nicht nötig! Das "Programm" war ein Ergebnis des Treffens einer Gruppe von Debütanten, die sich hervorragend verstanden. Es verbanden sie Sympathie und Interesse und sie ergänzten sich gegenseitig hervorragend.
    Eine Eigenheit der Zeitschrift war die starke Akzentuierung der Literaturkritik. Das war kein Zufall. Die Verbindungen zur Polonistik an der Schlesischen Universität waren immer sehr stark, wenn auch nie formaler Natur. Während die jungliterarische Kritik (wir nennen sie "jungliterarisch", wobei man unbedingt hinzufügen muß, daß es in den neunziger Jahren in Polen gar keine andere gab) durch eine personenbezogene Einstellung geprägt war, und ihr Diskurs in der Regel einen impressiven und intimen Charakter besaß, schlug "FA-art" die analytische Option vor, indem sie die Tradition des Strukturalismus mit den postmodernistischen Sympathien in Einklang zu bringen suchte. Auch das war etwas Neues. Die Postmoderne wurde in Polen erst in den neunziger Jahren zum Thema. In der Regel jedoch - sagen wir es euphemistisch - war man weder dem Begriff noch der Erscheinung selbst zugeneigt.     In der Symphatie für den Postmodernismus glaubt man gewöhnlich die eigentliche Besonderheit der Zeitschrift zu finden. Man muß klar sagen, daß dies keine zufällige Wahl oder gar Mode war (zur Mode wurde in Polen dagegen die Kritik am Postmodernismus - am häufigsten in feuilletonistischer Manier betrieben). Schlesien war höchstwahrscheinlich die einzige Region in Polen, wo eine Zeitschrift wie "FA-art" entstehen konnte. Schlesien hat selbst keine größeren literarischen Traditionen und bildet - infolge der langjährigen Innenmigrationen - in gesellschaftlich-kultureller Hinsicht einen spezifischen, inkohärenten Wirrwarr, in wirtschaftlicher Hinsicht aber wurde es für die Moderne… zum Denkmal. Schlesien hat auch eine administrative Eigenheit - die Grenzen zwischen den Städten sind gänzlich verwischt, sogar Kattowitz läßt sich schwer als kulturell-wirtschaftliches Zentrum der Region bezeichnen und ließe sich vortrefflich mit der Wurzelstock-Metapher beschreiben. An Paradoxen mangelt es hier nicht: Den heute wirtschaftlich und kulturell integralen Teil von Schlesien bildet das Dąbrowskie-Becken, das einmal zum russischen Teilungsgebiet gehört hat und seine eigene kulturelle Spezifik sowie andere politische Traditionen besitzt. "FA-art" konnte zwischen einer regionalistischen und einer postmodernistischen Option wählen. Es sollte nicht verwundern, daß die Entscheidung intuitiv auf die zweite fiel, da es in der Sprache (im Polnischen oder in der Mundart) nicht einmal ein Wort gibt, mit dem die Identität der Mehrheit der Redaktionsmitglieder bezeichnet werden könnte. Wir sind keine Schlesier, aber wir sind auch keine Zugezogenen, keine "gorole" - wie die Schlesier die zugewanderte Bevölkerung nennen.
    Währenddessen erfreut sich im literarischen Leben Polens der neunziger Jahre aber gerade der Regionalismus einer besonderen Gunst - in der Regel handelt es sich dabei um einen proeuropäischen Regionalismus (dieVision von einem Europa der Heimatländer), der die Vorteile der Vielfältigkeit betont, und den Dialog der Kulturen und lokalen Traditionen befürwortet. Wenn "FA-art" dieser Option in gewissem Sinne polemisch gegenübersteht, dann liegt das am kritischen Verhältnis zum Begriff der Identität, die eine metaphysische Beziehung zwischen dem "Ich" und dem Sein, sowie dem Sein, dem Ort und der Wahrheit herstellt. Daher stehen wir der sog. "Heimatliteratur", die nach Meinung vieler Kritiker die bedeutendste literarische Strömung in der polnischen Literatur der neunziger Jahre darstellt, skeptisch gegenüber.
    Um die Mitte der siebziger Jahre machte sich im polnischen literarischen Leben eine Abkehr von den neuen (neoavangardistischen) Tendenzen bemerkbar. Das Ansehen solcher Dichter wie Czesław Miłosz, Zbigniew Herbert oder Tadeusz Konwicki wuchs auf Kosten der Popularität von Autoren wie z.B. Tadeusz Różewicz. Im Fieber der politisch-kulturellen Debatten der achtziger Jahre wurden Schriftsteller mit innovatorischen Ambitionen ziemlich abwertend als "Soz-Parnassianer" bezeichnet. Niemand stellte ihren künstlerischen oder intellektuellen Rang in Frage, sie wurden jedoch als veraltet verworfen und in die Literaturgeschichtsbücher verbannt. Die Debütanten der neunziger Jahre, die generell das im Jahrzehnt zuvor geltende Verständnis von dem, was Literatur zu leisten habe, ablehnten, suchten ihre Meister und Schutzherren unter den fremden Schriftstellern (wie z.B. Lyriker der New Yorker Schule, vor allem Frank O’Hara). Wir erinnerten in unserer Zeitschrift dagegen an die Leistungen der größten Vertreter der polnischen neoavangardistischen Literatur - an Tymoteusz Karpowicz, Witold Wirpsza, Miron Białoszewski, Teodor Parnicki… Wenn man in der Geschichte der polnischen Literatur weitergeht, stellen sich die meisten meiner Zeitgenossen an die Seite von Bruno Schulz (Renaissance der mythographischen Prosa), wir dagegen - an die Seite von Witold Gombrowicz. Die Literaturkritik nahm die Debüts der siebziger und achtziger Jahre, deren Autoren sich bemühten, avangardistische literarische Strategien zu entwickeln, sehr ungnädig auf. Diese Wertung aus der gar nicht fernen Vergangenheit wurde von unseren Zeitgenossen in der Regel übernommen. Umso mehr, als es dadurch leichter ist, sich selbst als etwas ganz Besonderes darzustellen. Und wieder, "FA-art" erinnert gerne an die damaligen Werke (von denen manche schon postmoderne Züge tragen), ohne den allgemeinen - vorgetäuschten oder echten - Gedächtnisschwund hinsichtlich der jüngsten Literatur zu akzeptieren, und ohne sich mit der großen These von dem "schwarzen Loch in der polnischen Prosa der achtziger Jahre" einverstanden zu erklären.
    Es sollte also nicht verwundern, daß die Zeitschrift - obwohl sie mit ihrer Geschichte selbst zum Phänomen der 60er-Generation gehört - den Leistungen ihrer Altersgenossen gegenüber eine kritische Distanz wahrt. In unseren Spalten haben wir mit der These einer ästhetischen Zäsur des Jahres 1989 polemisiert. Genauso stellten wir auch die Überzeugung in Frage, die "Jungen" unterschieden sich von ihren Vorgängern, indem sie neue Qualitäten anbieten oder neue literarische Erscheinungen anregen würden.
    Es war das große Glück von "FA-art", daß sich unter den Redakteuren und Mitarbeitern der Zeitschrift auch ein paar begabte Kritiker befanden. Sie wußten die neuen methodologischen Impulse zu nutzen, und für einen erkennbar eigenen Stil und unabhängige Urteile in ihren Texten zu sorgen. Parallel zum Auftritt der Debütanten in den neunziger Jahren gab es glücklicherweise eine interessante Bewegung in der Literaturkritik. "FA-art" spielte dabei eine beachtliche Rolle und zog im Laufe der Zeit auch Autoren an sich, die sonst mit anderen Titeln und anderen Kreisen verbunden waren; und zwar sowohl Kritiker als auch Lyriker oder Prosaiker.
    Die vorliegende Ausgabe unserer Vierteljahreszeitschrift bringt eine Auswahl der literarischen und literaturkritischen Texte, die zum großen Teil schon einmal bei uns publiziert wurden. Einer möglichst großen Verständlichkeit zuliebe, haben wir sie z.T. etwas gekürzt. "FA-art" hat den Ruf, eine ehrgeizige und schwierige Zeitschrift zu sein. 1996 verglich Arkadiusz Bagłajewski, Chefredakteur der Lubliner Vierteljahreszeitschrift "Kresy", unsere Zeitschrift mit der angesehenen, literaturwissenschaftlichen Fachzeitschrift "Teksty Drugie", die vom Institut für Literaturwissenschaften der Polnischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird. Nun, wenn in dem Vergleich ein bißchen Wahrheit steckt, ist das für uns ein Kompliment. Man muß auch gleich hinzufügen, daß ein Vergleich mit den "jungliterarischen" Zeitschriften, die dem Ethos und der Poetik der art-zin entstammen, ebenfalls möglich wäre. Allem Anschein zum Trotz kann man - so hoffen wir - das Akademische mit der Gegenkultur verbinden. In Zeiten der Massenkultur ist so eine Verbindung vielleicht sogar ganz natürlich.
    Ist "FA-art" eine schwierige Zeitschrift? Nein, wir betreiben keine l’art pour l‘art - das, was Kritiker der Zeitschrift als elitäre Züge einstufen, ist schlicht das Ergebnis einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den besprochenen Problemen und kommentierten Büchern, resultiert aus dem Mißtrauen und Widerwillen gegen triviale, publizistische Vereinfachungen. Dabei vergessen wir nicht, daß die Literatur und das Schreiben über die Literatur auch eine Unterhaltungsfunktion haben.
    Das Heft, das Sie in Händen halten, wurde so vorbereitet, daß es in seinem literarischen und kritischen Charakter, in seiner Redaktion und graphischen Gestaltung das Profil unserer Zeitung widerspiegelt. Zugleich wollten wir die nach unserer Meinung wichtigen literarischen Erscheinungen und Debatten der letzten Jahre vorstellen. Aus diesem Grund drucken wir in einigen Fällen (mit der freundlichen Erlaubnis unserer Freunde und Mitarbeiter) Texte, die zuvor in anderen Zeitschriften erschienen sind.
    Außerdem stellen wir einige Prosatexte in Auszügen vor, die entweder von unserer Zeitschrift veröffentlicht oder dort ausführlich besprochen und empfohlen wurden. Wir hoffen, daß diese Publikation dazu beiträgt, das Bild von der jüngsten polnischen Literatur zu vervollständigen, und es den interessierten Lesern ermöglicht, Einblicke in Charakter und Klima des polnischen literarischen Lebens zu gewinnen.
Czytany 5432 razy Ostatnio zmieniany poniedziałek, 19 październik 2015 21:13

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