Stasiuk hält Distanz. Und er fährt gut damit. Er sieht und schildert ganz einfach. Na ja, vielleicht nicht ganz bis zu Ende - aber mehr oder weniger. In den Opowieści galicyjskie (Galiziengeschichten) ist etwas, das es im allgemeinen in der zeitgenössischen polnischen Prosa nicht gibt. In den Opowieści galicyjskie ist Stimmung. Ich habe den Eindruck, daß etliche Leser bei jenem Klima vielleicht an Marek Hłasko denken. Mir persönlich geht es so.
Stasiuk hält Distanz. Und er fährt gut damit. Er sieht und schildert ganz einfach. Na ja, vielleicht nicht ganz bis zu Ende - aber mehr oder weniger. In den Opowieści galicyjskie (Galiziengeschichten) ist etwas, das es im allgemeinen in der zeitgenössischen polnischen Prosa nicht gibt. In den Opowieści galicyjskie ist Stimmung. Ich habe den Eindruck, daß etliche Leser bei jenem Klima vielleicht an Marek Hłasko denken. Mir persönlich geht es so. Ich denke an seine Erzählung Następny do raju (Der Nächste zum Paradies), und noch mehr an deren Filmversion Baza ludzi umarłych (Stützpunkt der Verstorbenen). Aber das macht nichts. In heutigen Zeiten läßt beinah alles an alles denken.
Stasiuk vermittelt die Vision einer Landschaft, die - so hab ich den Eindruck - nicht existiert. Das heißt, damit das auch ganz klar ist: sicher ist das so ein - wohl schon mythischer - letzter Autobus nach Dukla, und der letzte Traktorist einer LPG, und vielleicht hält ja sogar der Gipfel der Cergowa manchmal den Himmel über den Beskiden, und vielleicht hat irgendwann einmal irgendein Kościejny irgendwem die Kehle durchgeschnitten. Bestimmt gibt es das alles irgendwo dort...
Stasiuk vermittelt die Vision einer Landschaft, die nicht existiert, denn er, ersinnt wie ein junger Poet, Balladen und Romanzen, in denen das Böse bestraft werden muß und das Gute triumphiert. Wo die Undinen in den Wasserfluten plätschern.
Und wie man weiß, sind solche Sagen aus der Gemeinde nicht immer vollständig echt.
Doch was gibt's da viel zu reden, der Einsame Mann aus dem Dorf Czarne spinnt seine Balladen überaus wundervoll!
Denn er weiß, worüber er schreibt. Er schreibt über das, was die Leser seit Jahrhunderten interessiert. Er schreibt über Verbrechen. Und über die Strafe schreibt er. Und über Ehebruch. Und über die ewig umherirrende Seele eines Verdammten, der noch auf Erden Vergebung braucht für seine Sünden. Ich werde mich hier nicht auslassen über die anderwärts fesselnden interpretatorischen Zwischentexte - wie zum Beispiel, daß Rudy Sierżant [Feldwebel] der Mittler Hermes ist, daß der Pfarrer aus Żłobiska einen geistigen Patron im Zauberer aus der Ahnenfeier, Teil II, hat, daß die Kneipengänger - Janek, Babka, Zalatywój, Lewandowski - im Grunde genommen Hirtinnen und Hirtenmädchen sind, und Kościejny ist ein Geist der vierten Gattung, noch schlimmer als der Böse Herr aus dem Werk von Adam Mickiewicz. Nein, ich werde mich nicht darüber verbreiten, denn jeder Leser wird diese Offensichtlichkeiten - auch ohne meine Hilfe - alsbald herausgefunden haben. Man braucht sich nur hinzusetzen und zu lesen!
Allein schon die Erzählung über Maryśka - die Nymphe-Hexe-Leichtlebige ist ganz un-glaub-lich!!!
Und ich möchte auch noch sagen, daß der Autor von Mury Hebronu (Mauern Hebrons) kein zeitgenössischer Schriftsteller ist, was auf eine gewisse Weise immer klarer wird. Diejenigen irren sich, die über den Verfasser des Weißen Raben als über einen Schriftsteller schreiben, der über die Gegenwart schreibt. Diese Bücher sind zeitlos. Sie beschreiben längst beschriebene Historien. Und in dieser Dimension ist der Autor der Wiersze miłosne i nie (Liebesgedichte und auch wieder nicht), das muß man - pfui - sagen: ein Postmoderner. Die in diesen Geschichten geschilderten Begebnisse können ebensogut heute als zeitgenössische Prosa angesehen werden, wie das für ein halbes Jahrhundert zuvor gegolten hätte. Oder auch hundert Jahre zuvor. Denn der Autor der Opowieści galicyjskie aktualisiert durch Requisiten.
Das ist durchaus kein Tadel. Meiner Meinung nach ist das ein Vorzug. Stasiuks Requisitenzauber ist, ich will es mal in Bachelardscher Weise sagen, sehr sichtbar im Komplex des Ausstellungsraums, den er sich geholt hat. In den Opowieści galicyjskie lesen wir:
"Der Regenbogen des Schaufensters schickt ein hartes, entschlossenes Licht aus, in dem sich Beschwörungen in unverständlicher Sprache erheben.
Die Farbe Weiß - Similac Isomil - das ist Reinheit, Freude, Unschuld und ewiger Ruhm, das ist die Farbe von Christi Gewändern auf dem Berge Tabor, der Byssus aus dem Tempel des Salomo. Himmelblau - Blue Ocean Deodorant - das ist die Farbe der Muttergottes, des Firmaments, und bedeutet wie das Weiß Makellosigkeit. [...] Schwarz - John Players Stuyvesant - ist der Tod, die Trauer, die Betrübnis und die Versöhnung, aber auch Weltverachtung, Abwehr, Finsternisse, die nur eine übernatürliche Helligkeit zerstreuen kann. [...] Ein rechteckiges Mandala steckt in dem graubraunen Raum zwischen der düsteren Kneipe und dem Anger und als Fenster auf die andere Seite des Seins läßt es in die Geheimnisse der Zukunft blicken, seine Lage beschreiben und den Weg in die Befreiung wählen.
Nun also stehen die alten Frauen und die Kinderschar vor der Landkarte der neuen Welt, deren Kontinente man geordnet hat nach den Bedürfnissen der einzelnen Körperteile, nach Gelüsten und Geschmäcken. Hier dominieren die eindeutigen Farben. Kein Platz für die Phantasie. Weder die Zeit noch das veränderliche Licht, auch nicht eine Laune der Natur können dem etwas anhaben. Nicht ausgeschlossen, daß das neue Jerusalem schon unterwegs ist."
Und im Weißen Raben heißt es:
"Die Kinder erkannten als erste das Gelände als ungefährlich. Dunkelhaarig, großäugig, drängte sich die kleine Schar vor dem Buffet, und während sie halblaut über etwas debattierten, fuhren sie mit den Fingern über das Glas der Vitrine, wo all die Donald Ducks, Hollywoods und Spermints wie bunter Abfall lagen, wie Steinchen zu einem Mosaik, mit denen niemand irgendein Bild zu legen imstande war."
Was das bedeutet? Ich weiß es nicht. Dazu bedarf es wohl der Psychoanalyse. Doch so dünn ist bei Stasiuk vor allem die Schicht des Zeitgenössischen.
Doch das Buch, das muß man gestehen, ist als Ganzes gesehen einfach schön. Und wohl das bisher beste Stück Stasiukschen Schreibens.
Andrzej Stasiuk: Opowieści galicyjskie (Galiziengeschichten). Kraków: "Znak" 1995.
Aus dem Polnischen von Karin Wolff
Tomasz Cichoń - geb. 1970. Absolvent der Polonistik an der Schlesischen Universität. Literaturkritiker, Mitglied der Kulturredaktion der Warschauer Tagesblatt "Życie". In "FA-art" veröffentlichte er Erzählungen.